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Samstag, 12. April 2014

Lieben

von Heinz Schüttler 

Lieben - Ein neuer Blick auf die Liebe

Heute wird so oft von Lieben gesprochen und spontan schwingen viele ein auf die Gefühle romantischer Liebe und die Bilder, die daraus in den Köpfen aufleuchten. Häufig treffen wir auf eine Mischung aus etwas schönem und erstrebenswertem und auf der anderen Seite von Leiden und Unerreichbarkeit bis hin zur Tragik enttäuschter oder verschmähter Gefühle. Serien und Werbung liefern uns dazu täglich Bilder und Vorlagen.

Angesichts einer Scheidungsrate, die die Wahrscheinlichkeit des Gelingens zu einen nicht unerheblichen Teil unwahrscheinlich werden lässt; stellt sich vielleicht die Frage nach den Alternativen.
Manche probieren es mit einer Art emotionaler Abschottung und rationalisieren aus ihrem Kopf heraus ihr Leben und das was sie umgibt.
Wie wäre es mit einem neuen Blick auf dieses Phänomen Liebe?

Die Liebe hat den langen Atem

Die Liebe hat den langen Atem
Die Liebe ist langmütig und hat genug Luft, sie hält durch,
gütig ist die Liebe, 
sie kommt freundlich und wohlwollend,
sie eifert nicht. 
sie bleibt trotz Turbulenzen ruhig. spricht leise,
Die Liebe prahlt nicht, 
Die Liebe bleibt bescheiden, absichtslos,
sie bläht sich nicht auf, 
verzichtet auf Imponiergehabe und Einschüchterung und ermutigt eher,
sie ist nicht taktlos, 
sie ist rücksichtsvoll und einfühlend, 
sie sucht nicht das ihre, 
sie gönnt dem anderen seinen Erfolg und freut sich mit an dessen Gelingen.
sie lässt sich nicht zum Zorn reizen, 
sie bleibt freundlich,
sie rechnet das Böse nicht an, 
sie ist großzügig und sieht eher das Gute, sie verzeiht Fehler und Mißgeschicke
sie freut sich nicht über das Unrecht, 
sie achtet wenn Menschen fair miteinander umgehen, 
sie freut sich mit an der Wahrheit. 
sie verträgt wertschätzende ehrliche Reden,
Sie trägt alles, 
Sie lässt Kraft und Zutrauen zuwachsen, sie trägt uns zutiefst und gibt uns ein Empfinden angenommen zu sein
sie glaubt alles, 
sie hofft alles, 
sie bleibt offen für die kleinen und großen Wunder, trotz mancher Widrigkeiten und Schwierigkeiten,
sie erduldet alles. 
sie kann Menschen, die Dinge, die Welt so nehmen wie sie sind.
Findige Köpfe haben sofort die Stelle aus 1 Kor. 13.4-7 wiedererkannt. 
Manche schmunzeln vielleicht sinnig und sagen etwas von einer schönen Utopie, die fern unserer alltäglichen Realität liege, und sich so nicht leben lasse.
In dem Moment, in dem wir diese Haltung akzeptieren, können wir dies auch nicht mehr in Verhalten umsetzen und zahlen den traurigen Preis für die vermeintliche Schlauheit und Expertise der anderen. 
Haben Sie einmal beobachtet, wie häufig Menschen nach den Wetteraussichten gefragt werden, oder sich dazu äußern, die keine oder eine recht geringe Kompetenz auf diesem Gebiet für sich in Anspruch nehmen können. Das Tolle an der Geschichte ist meiner Meinung nach der Umstand, dass ihnen so oft geglaubt wird und Menschen ihre Handlungen danach ausrichten.

Einfach Lesen!

Darum empfehle ich Ihnen, wenn Sie lesen können; dann tun Sie dies! 
  • Spüren Sie, wie es Ihnen bei den Worten ergeht, welche Gefühle und Gedanken dabei auftauchen. 
  • Vielleicht fallen Ihnen Situationen und Momente ein, in denen es Ihnen gelungen ist, in denen Sie lieben konnten. 
  • Mitunter laufen vor Ihrem geistigen Auge kleine Filmchen wie ein Kopfkino ab und lassen die Erlebnisse sehr lebendig werden. 
  • Und vielleicht stellen sich auch noch Gefühle ein. 
  • Wenn sie Freude und das wohlige Gefühl von Wärme in Ihrem Inneren verspüren, empfehle ich: Unbedingt weitermachen!
Denn allein der Text oben reicht schon für eine ganze Fastenzeit und darüber hinaus. 
Suchen Sie sich aus den kurzen und prägnanten Formulierungen eine, gerne auch zwei heraus und schauen sie einmal einen ganzen Tag lang mit wachen Augen, wo sich dies im Alltag umsetzen lässt. 
Am nächsten Tag suchen Sie sich ruhig und gerne ein paar Neue aus. 
Verabschieden Sie sich davon, Alles zu aller Zeit und immer perfekt zu tun. 
Vielleicht bemerken sie am Donnerstag, dass sie etwas vom Montag gerne noch einmal verwenden möchten, weil es in dem Moment so gut passt. 
Nur zu - dann tun Sie es ruhig!

... immer wieder lesen

Die Auswahl ist ja groß genug und Wiederholungen bringen in diesem Fall eher Freude und Aufmerksamkeit, als Langeweile. 
Fangen Sie ruhig auch mit sich selbst an, oder nehmen Sie sich ruhig auch als Pausenfüller, wenn gerade mal kein anderer Mitmensch empfänglich ist.
Viel Freude und jede Menge beglückende Momente und Begegnungen wünsche ich Ihnen!
Ihr Heinz Schüttler 
Wer Gott liebt, hat keine Religion außer Gott. (Mevlana Dscheläleddin Rumi) 

Donnerstag, 3. April 2014

Maria und Josef betrachten es froh ...

Da liegt es, das Kindlein, auf Heu und auf Stroh. Maria und Josef betrachten es froh, die redlichen Hirten knien betend davor, hoch oben schwebt jubelnd der Engelein Chor. (Weihnachtslied, "Ihr Kinderlein kommet...")

Ja, wie. Ist denn heut schon Weihnachten? 

Nein, es war ein Seminar im August, an Maria Himmelfahrt (15.8.), es war Mariä Empfängnis (8.12), es war am 25.3. die Verkündigung an Maria, das ist auch eine an Josef gewesen. Und es war Josefstag. Am 19.3. 

Es gab ein Seminar über Josef. Im Chiemgau, eigentlich in Seeon-Roitham.
Nach dem Seminar hören wir von einer Teilnehmerin: „Das wäre auch was für meinen Mann gewesen.“ 
Na bitte, bring ihn beim nächsten Mal mit. 
Das war beim Seminar zu Maria noch verständlich, dass nur Frauen da sind. 
Doch beim Josef? Tun wir Männer uns schwer mit dem blassen alten Mann, zu dem sie Josef gemacht haben? Genauso blass wie Gott selbst? Wie so oft also, nur Frauen außer uns. Da sitzen wir nun, in Roitham, zum Seminar, Heinz und ich. Und die Frauen.
Wir fragen nach und hören. 

Erste Assoziationen zu Josef:

Alle Achtung, der nimmt ein fremdes Kind an.
das ist ein Träumer
ein Ausländer, aus Galiläa, dem Norden Israels
Männerrolle: ein pragmatischer, fürsorglicher Ernährender
der Mann im Hintergrund des Geschehens
Ein Handwerker, Zimmermann
(hebr.) yōsēf = er fügt hinzu

Namenstag am 19. März, Josef von Nazaret, ein Bauernfest
Namenstag am 1. Mai, Josef der Arbeiter.

Na, das war nur einer, dieser Josef von Nazaret, der Arbeiter. Auch wenn er zweimal von der Volksfrömmigkeit gefeiert wird, ändert es nichts daran, dass er theologisch und biblisch eine Art Null-Nummer ist. 

Josef wird fast wegdiskriminiert. 

Josef durfte nicht mal der Vater des Gottesknaben sein und bleiben. In seinen kurzen Auftritten in den Evangelien steht so viel wie nichts, außer dem Träumen und dem Gehorchen. Schlimm genug, dass einer den Träumen gehorcht und nicht dem Gesetz. Josefs Pflicht als frommer Jude wäre es gewesen, diese Maria als Ehebrecherin zur Steinigung freizugeben um das Böse zu eliminieren. (Deuteronomium 22,23-24).
War er nun der Vater von Jesus?
Wahrscheinlich hat das damals zunächst niemand angezweifelt, und das wäre auch völlig normal.
„So ein Weichei, der hätte es dieser Schlampe, dieser Hure zeigen müssen! Verlobt sich mit Josef und bekommt dann das Kind eines anderen. Gesteinigt gehört so eine! Er konnte wohl nicht warten, der Kerl, so ist das bei jungen Leuten, sie sind ja auch schon verlobt. Und dann passiert es halt, dann ist sie schwanger. Immerhin hatte er den Anstand, sie zu heiraten, statt sich davonzustehlen.“
Das mag von außen so ausgesehen haben, oder ...
„Eher rührend. Liebevoll und nett, würde man heute sagen. Anständig, dass er sich um das Kind kümmert. Das arme Kind kann ja nix dafür.“
Josef bricht also das Gesetz, um Gottes Willen. Er wird selbst zum Sünder, folgt dem Gesetz nicht buchstabengetreu sondern dem Geiste nach. Nicht weiter tragisch? Es wurde immerhin eine brutale Machtreligion und eine Weltreligion der Liebe draus. 
Wir machen alles entzwei.
Als ob Josef es geahnt hätte. Sein handelndes Umdeuten hatte Folgen. 
Zum Glück für viele Kinder und Väter, denen die Pfarrer der Jahrhunderte mit Blick auf Josef geraten haben mögen, ein fremdes Kind anzuerkennen und ein gutes Werk zu tun. Kriegswitwen und Waisen haben wir im Laufe der Geschichte auch reichlich produziert.
Dummerweise musste der Bengel eine besondere Bedeutung bekommen, so dass sich auch seine echte, leibliche Mutter, eine ganz normale Frau, im Laufe der Jahrhunderte sich wieder zur biologischen Jungfrau zurückentwickeln musste.

Wer sind die Eltern?

Das NT kennt keine Biographie der Eltern Jesu. Dort finden sich nur theologische Aussagen über Maria. Denn einen irdischen Vater konnte man bei dieser geistgezeugten Göttlichkeit des Herrn überhaupt nicht mehr brauchen. Er hat keine zeugungs- oder geistzeugungsrelevante Bedeutung. Der Himmlische Vater ist wichtiger als der irdische Samenspender.
Oder hatte sie doch einen anderen? Manche sagen es. 
Ja, und wenn? Nachweisen ließe es sich eh nicht mehr. Und es ist doch auch wurscht, oder? Am Heilsgeschehen durch Christus würde sich meiner Meinung nach nichts ändern.

Und die Geschwister?

Mk 3,20f, 3,31-25 nennt „Angehörige“, Mutter und Brüder, zu denen Jesus in deutliche Distanz geht. Natürliche Verwandtschaft ist nicht entscheidend für die Zugehörigkeit zum Reich Gottes, sondern die Erfüllung des göttlichen Willens.
Es ist eine somit Meinungssache,
  • ob hier wirklich von Verwandten Jesu gesprochen wird (hat sie / haben sie noch weitere Kinder gehabt? Ältere? Jüngere?)
  • oder eine allgemeine Aussage getroffen wird (selbst nah Verwandte stehen in der Gefahr, die göttliche Sendung misszuverstehen).
Später, bei Matthäus, fällt diese Begegnung weniger schroff aus. Denn hier wird Maria als „Wissende“ dargestellt. Sie weiß um die heilsgeschichtliche Sendung Jesu und handelt danach. Bei Lukas wird dies „harmonisiert“, d.h. nicht erwähnt.
Mk 6,1-6a: Hier ist er „der Sohn der Maria“ und die Brüder Jakobus, Joses, Judas und Simon werden mit Namen genannt, auch von Schwestern ist die Rede. 
Und ein Beruf: Der Zimmermann. Das soll die bescheidene Herkunft des jetzt als Wundertäter Wirkenden herausstellen. Den Beruf hat er vom Vater! Matthäus 13,55 macht ihn (im Mund von Gegnern Jesu) zum Sohn des Zimmermanns. Also: stolz drauf hat er nicht zu sein, der Knabe. Gehört sich ja auch nicht, als Gottes Sohn sich von einem Handwerker aufziehen zu lassen, wo doch auf den Baustellen so viel geflucht wird, verdammt noch mal. Hätt er nicht doch vielleicht im Königspalast oder von einem Priester ...?
Später war der Josef eh ein alter Mann (der nicht mehr zeugen konnte, womit sich ein ejakulatives Problem erledigt hätte haben sollen) oder er war schon tot, (was anzunehmen sei, weil keiner mehr über ihn reden wollte). Wie praktisch. Totgeschwiegen stört er im Grab am wenigsten. 
Es sei denn ... Ja? Was? Es sei denn er wäre auch da ein "Gesetzesbrecher" und schon vor Jesus auferstanden? Wie? Das wird zu spekulativ? Das ist der übrige Rest des Geschehens auch.

Ahnenforschung

Erst im 2. Jhd. tauchen im Gefolge der „reinen asketischen Vollkommenheit“ Mariens ihre kinderlosen Eltern auf, die im hohen Alter noch ein Kind bekamen, das im Tempel aufwuchs und dem alten, greisen Josef zur Frau gegeben wird, weshalb sie jungfräulich bleibt. (Protoevangelium Jacobi). 
Dass die Ahnenforschung damals schon so ausgeprägt und die Dokumentation so außerordentlich war, ist höchst erstaunlich. Und spekulativ! 
Diese Sicht verbreitet sich in der Ostkirche, ist aber im Westen noch im dritten Jahrhundert bei Tertullian nicht bekannt. 
Bereits das Matthäus-Evangelium kennt die Auffassung der jungfräulichen Geburt und beginnt mit einem theologischen, zahlenmystischen Stammbaum Jesu. Hier tauchen einige sehr faszinierende „heidnische Frauen“ auf: Dirnen, echte, und vielleicht auch eine Lesbe? Das wäre auch mal ein Thema wert. Ob da die Männer gleich mit dazu kämen?
„Jakob zeugte Josef, den Mann Marias, aus der Jesu gezeugt wurde“ ... „noch bevor sie zusammengekommen waren“ (Mt 1,18)
Aber im Kodex Syrosinaiticus steht: 
„Josef, mit dem Maria verlobt war, [also galt sie als seine Frau!], zeugte Jesus“. 
Er zeugte bei gleichzeitiger Bejahung der jungfräulichen Empfängnis.
Eines ist klar: Wenn Jesus nicht von Josef gezeugt wäre, wäre der Abkunft von David absurd! Dann wäre Jesus nicht Davids Sohn, also nicht Messias. Da hätte das Christentum ein gewaltiges Glaubwürdigkeitsproblem. Rein spekulativ.
Erst später, wenn man alles wörtlich verstehen muss, ‚erzwingt‘ es die jungfräuliche Empfängnis Jesu bei unverletztem Hymen, denn nun wird dank gnostischem Einfluss der Sexualakt zum Überträger der Erbsünde. Dies ist nicht aus dem Evangelium ableitbar. Das Evangelium ist eine theologische, keine medizinische Schrift. Das hebräische Denken kennt keine Abwertung menschlicher Zeugung.
Also ist noch eins klar: damals hatten die das Problem noch nicht, dass alles so überkatholisch-keusch sein musste, der darf Gottes Sohn sein, auch wenn der Josef der leibliche Papa sein sollte.
„Bei Maria und Josef hat es geschnakelt, und der Bub kam. So ein goldiger Bengel. Aus dem wird sicher mal was ganz Besonderes, wie der den Papa anschaut, als ob da eine ganz enge Verbindung bestehen tät. Und das war, als ob die Engel gesungen hätten bei seiner Geburt. Das ist wirklich ein Geschenk Gottes, so ein Kind, überhaupt, jedes. Und dieses Kind erst Recht, ein Kind Gottes, ein Sohn Gottes. Meinst du nicht auch?“
Vom Glauben her „Ja“.
Heißt Glauben „nicht wissen“, bleibt das spekulativ, nur eine Annahme (Vermutung).
Bedeutet Glauben aber „liebend und vertrauend eine Wahrheit annehmen (empfangen)“ wird etwas gewiss, gewusst. Was auch immer.
Und was haben wir daraus gemacht, mein Gott?

Die Tradition

Ignatius von Antiochien (vermutlich Mitte des 2. Jhd.) setzt sicherheitshalber auch Maria in das Haus Davids. Das ist dann also kein Problem mehr mit der Abstammung.
Er kämpft eigentlich gegen zwei Irrlehren, den „Judaismus“, der in Jesus nur einen Menschen mit natürlicher Geburt sah, und den „Doketismus“, der das wahre Menschsein Jesu bestreitet. Das passt ja gar nicht zusammen. Ignatius hält dagegen: Jesus ist wahrer Gott und wahrer Mensch, ...
„aus Maria sowohl wie aus Gott, ... nach Gottes Heilsplan aus Davids Samen [Samen!] und doch aus heiligem Geiste, ... wirklich aus dem Geschlecht Davids nach dem Fleische und wirklich geboren aus einer Jungfrau“
 ... und verbindet in einem hermetisch-philosophischen Denkakt die beiden unvereinbar scheinenden Aussagen: 

Der präexistente Logos wird Mensch (Johannes) 

im Schoß der Jungfrau Maria (Lukas, Matthäus).
Logisch, gezeugt von Josef. Aber das übersieht man(n)?
Übrigens: Von jener Stunde an ward es in der theologischen Ehestube leibfeindlich und finster. Jeder weitere Versuch der Erhellung brauchte neue Spekulationen hervor. Das Kopfkino, nein, das Bild ist anachronistisch, das „Kopf-Theater“ um die Jungfrauenschaft wird zum besonderen Moment der katholischen Theologie. Damit einher ging die Abwertung des Körperlichen, des Sexuellen, auch in der Ehe. Die jungfräuliche Empfängnis gilt dann ab Ende des 2. Jhd. als ein Stück apostolischer Überlieferung. Die Evangelien sind kanonisiert, das alttestamentliche Zeugnis gilt als Tradition, die Glaubensformel im Credo, „vom Heiligen Geist“ – und! – „aus der Jungfrau Maria“ ist allgemein bekannt.
Ziel der Menschwerdung Gottes ist die Vergöttlichung der Menschen als Kinder Gottes. Die jungfräuliche Empfängnis hat heilsgeschichtliche Bedeutung von der Schöpfung her: Christus „heilt“,  „repariert“, „erneuert“ die paradiesische Gemeinschaft Mensch-Gott. Der Papa wird’s schon richten. Im Gericht, dann. 
Jesus ist der neue Mann, Mensch, Adam (auch der erste Adam im Paradies ist aus Gott geschaffen) und die Gleichstellung Eva/Maria ist nun ebenfalls verbreitet. Bei den Kirchenvätern überträgt sich diese Typologie übrigens auf jede Frau, die am Heil mitwirkt: Die Frauen am Grab, Maria Magdalena, ... (Anwesende undLesende!) Es geht also nicht um Maria, sondern um die Heilsbedeutung des weiblichen Geschlechts.

Und wo bleiben die Männer?

Es gibt noch keine Marienkirchen, kein Marienfest, keine liturgische Anrufung Marias im Gottesdienst. Maria dient nur als Vorbild für die asketisch christologische Frömmigkeit des 4. Jahrhunderts. Auch in der Ostkirche gilt: „sie kann nachdem der Heilige Geist über sie gekommen war unmöglich Lagergenossin eines Mannes geworden sein“. 
Unmöglich?
Das ist ja was Gutes, ein Vorbild. 
Aber kein anderer Mann, weil es „unmöglich“ als Nach-Bild, der Mann der Frau nach-stellend, in Stellungen vorstell-bar sein darf?
Die ab den folgenden Jahrhunderten einsetzende „Postulatstheologie“ hat keinen Bezug mehr zur Schrift. Das ist jetzt wirklich reines Kopftheater. Ich nehme an, also ist es. In beiderlei Bedeutungen von „vermuten“ und „empfangen“ (siehe oben).
Ambrosius von Mailand macht die Sündlosigkeit Jesu von der jungfräulichen Empfängnis abhängig, sein Schüler Augustinus mischt die Erbsündenlehre hinzu und gibt ihr somit dogmatisches Gewicht der ‚Notwendigkeit‘. 
Im Laterankonzil (649) wird schließlich als Kirchenlehre festgelegt: die Jungfrauschaft Mariens vor, in und nach der Geburt. Basta! 
Die haben vielleicht nachträglich nachgeprüft, also: lange bevor sie in den Himmel auffuhr? Das war auch bei anderen Frauen damals üblich. Das Nachprüfen, meine ich. Das Himmelfahren steht nämlich noch aus.

Karriere: Himmelskönigin

Maria werden in der Liturgie (d.h. in Liedern und Hymnen, aus der Imagination und Poesie heraus, aber auch in Predigten) Kräfte zugesprochen, die streng genommen, allein Gott zugehören: Sie besiegt den Teufel, löscht die Flammen der Leidenschaft, wendet den Zorn Gottes ab, öffnet das Paradies und bringt gar die Erlösung – weil sie theotokos, Gottesgebärerin, ja, die Mutter des Schöpfers ist und – weil Gott ihr als der Himmelskönigin daher (!) gehorchen muss.
Das Kopftheater reproduziert die mittelalterliche Welt zurück in die Zeit Jesu. Das zornige Gottesbild des Mittelalters wird not-wendend mit weiblicher Milde und femininer Stärke, barmherzige und verzeihende Güte ergänzt und ihm wird in Maria ein neues Gesicht gegeben. Kommt das davon, dass die Fantasie mit einem durchgeht?
Dem biblischen Ursprungszeugnis ist diese Gedankenwelt fremd. 
„Nicht Mann und Frau, sondern eins in Christus“ (Gal 3,28).

... und wo bleibt Josef?

Der fromme Mann wird nun zum Adoptivvater des Knaben Jesus. Dabei legt ihn das Evangelium auf die väterliche Erbfolge zu David hin fest.
Er zieht seine Hosen aus (vgl. Sterzinger Multscheraltar), damit das arme Kind wenigstens nicht friert. Ein feiner Kerl. Er kocht, macht Feuer und steht im Hintergrund der Krippe als Statist, den man nicht weglassen kann. Einer muss ja den Esel führen, auf dem Maria dann später zur Flucht nach Ägypten sitzt. Der Bengel ist zu klein, als dass Maria den alleine nach Ägypten hätte bringen können. Der abwesende Mann ist nicht ganz durchsetzbar. Was sollen denn auch die Leute sagen? Und wie sollten wir Familie begründen, wenn da kein Mann ist. Nee. Die Ikonographie der Jahrhunderte spricht (wenige) Bände über Josef. Das mag zwar rechtlich in Ordnung sein, besonders im Mittelalter, wo der Mantel um den Bengel gelegt wird, so ummantelt und beschützt ist der Kleine ein Adoptivsohn Josefs, des Nachkommens Davids.
Dumm nur, dass das Judentum eine solche Regelung nicht kennt. Das einzige, was man dort kennt, um fremde Kinder als Erben anzuerkennen, ist die Leviratsehe: die Frau nehmen, wenn der Bruder verstorben war. Da halten es die Juden sehr klar. Und dem Josef nimmt man sein Adoptivsöhnchen [beweistechnisch] wieder weg während man es ihm [spekulativ] zu geben versucht. Nicht mal den Mantel darf der arme Mann behalten. Den nimmt Maria und breitet ihn aus, sie bedeckt gleich die ganze Christenheit damit. Immerhin sind wir damit adoptiert, falls wir nicht leiblich Kinder Gottes sein sollten. 
Wir wissen das nicht so genau.
Wenn Josef also bereits ein Gesetzesbrecher war, der seine sündig gewordene, doch wirksam heilvoll umgedeutete Frau nicht verstoßen hatte, hatte der kleine Jesus ein interessantes Vorbild – und ein Vaterbild obendrein. 
Die abtrünnige jüdische Glaubensbewegung, die Jesus ins Leben rief, musste konsequent zu einem Bruch mit der jüdischen Königs- und Väterlinie führen: Der Sabbat wird nicht gehalten, Kranke werden geheilt, Theologen und Kleriker lächerlich gemacht, Banker aus dem Heiligsten vertrieben, Finanzbeamte und Steuereintreiber, Sünder und Unreine und Frauen zu Tisch gebeten und angefasst, dem Tempel wird der Abriss angedroht (was ein historisch bedeutsames Todesurteil zur Folge hat), die Beschneidung und alles andere vom mosaischen Gesetz fiel dann später auch noch weg.
Mit dem Josef hat die christlich-theologische Lesart der Bibel auch gleich alles jüdische wegspiritualisiert, das buchstäbliche Lesen wurde durch allegorische, „spirituelle“ geistgezeugte Lesedeutung ersetzt. Expatriierung generalis. Und wozu?
Zum Glück ist Maria inzwischen die Himmelskönigin, der sogar „Papa Gott“ gehorchen muss, möchte man süffisant bemerken. 
Vielleicht bringt die Frau wieder alles in Ordnung? 
Der Glaube an die (leibliche) Aufnahme Marias in den Himmel hat ihrer Rolle als Fürsprecherin eine neue Basis verliehen. Weit jenseits der Schrift, völlig spirituell, nur noch in der Tradition des Volkes Gottes, also aller Menschen, die glauben. Dumme Sache, was unter dem Mantel der Christenheit so passiert. Dies und jenes. Schlimmes und Gutes. Zweifach. Es ist halt ein Kreuz, mit uns.
Der sensus fidelium, der Verstand der Gläubigen kann nicht irren. Da die Kirche (Communio Sanctorum, Gemeinschaft der Heiligen) unter der Leitung des göttlichen Geistes steht (der einen Irrtum nicht zulässt) und im Laufe der Zeit immer tiefer in die geoffenbarte Wahrheit eindringt (?) und ab einem gewissen Zeitpunkt einhellig eine bestimmte Meinung über die Wahrheit hat, muss das, was die Kirche der Gegenwart als Glaubenswahrheit in Übereinstimmung lehrt, (wenn auch nicht explizit) bereits in der ursprünglichen Offenbarung enthalten sein. Logisch, oder?

Und wir?

Die meisten Menschen werden von Männern gezeugt, einige vom Geist, alle von beiden. Alle Menschen stehen von Anfang an unter dem Gnadenangebot Gottes. Berufen, diese Welt zu erlösen und zu heiligen. Es ist keine menschliche Existenz denkbar, die nicht von Gott getragen und angerührt ist. Jede einzelne. Auch Deine! 
Von Gott geliebt, berufen zu was einzigartigem: zu Dir selbst. 
Bist Du Dir Deiner Heiligkeit heute schon bewusst geworden?
Mit anderen Worten: 
Jeder von uns zeugt und empfängt, bringt Gott zur Welt, ist rein und heilig von Anbeginn und immerdar (alltäglich und alltagstauglich) und wird lebend in den Himmel aufgenommen (der ganze Mensch ist schon jetzt und dann auch noch bei Gott).

Papa Josef und Mama Maria

Vielleicht war er es ja doch, leiblich, der Erzeuger. Josef, der Papa von Jesus? Ein junger, knackiger, muskelprotziger Hitzkopf, rührend, sensibel und offen für Träume. Ein Traum-Mann. Ein Freigeist und Freidenker, einer, der seinen Geist für Gott offenhielt und das Gesetz gut kannte. 
Und diese Frau, die hieß Maria und, ja, also, als die da an der Zisterne saß, da wusste er, die ist es. Und sie lächelte zurück. Und sie verlobten sich, und ...
„Wie? Du bist schwanger? Von mir aber nicht. Das ist... Was? Ein Wort wars? Nicht ein Same? Nicht ich! Oh! Man hat uns heimlich knutschen sehen? Aber Maria, nun denkt doch jeder, wir hätte noch mehr gemacht. Haben wir denn vielleicht gar, war ich so hin und weg von Dir, du Schönste, dass ich mich und uns und es vergessen hab? Ach, das Wort geschah Dir, während ...? Ich glaub, ich träume. Moment, ich hab da eine Idee. Okay, machen wir’s so: was du im Fleisch austrägst, trag ich im Geiste aus. Das wird ein Junge, ich bringe ihm alles bei, was er im Leben braucht. Amen!“
Und sie lebten glücklich, bis sie den Knaben zum Tempel brachten.
War es so? Und wenn nicht, dann halt anders? Und wenn doch? Ja, und? Es wäre viel einfacher, vielleicht sogar glaubwürdiger, vielleicht sogar noch viel spiritueller, wenn auch mindestens genauso spekulativ wie alles andere.

Es ist so unerschöpflich, das Mensch-Sein. Immer wenn ich denke, ich weiß viel, entdecke ich etwas völlig Neues. Das Leben bietet mir eine Unzahl von Geschenken. Und es ist nicht nur eine Aneinanderreihung von Neuem, sondern eine Vertiefung, ein Leben, ein Atmen, ein Herzschlag mehr, ein Träumen, ein Erahnen. Und das ist echt! Glaube ich wenigstens ...


Quellen: 

Josef Imbach: Marias Panzerhemd und Josefs Hosen. Patmos, Ostfildern, 2011 

Albrecht Koschorke: Die heilige Familie und ihre Folgen, Fischer, Frankfurt, 2000 
Patrick Roth: Sunrise, das Buch Josef, 2012)

Mittwoch, 2. April 2014

Impulse für die Fastenzeit (5. Woche)

  1. zuhören
  2. ermutigen 
  3. danken
  4. lieben 
  5. umdenken Aus einer anderen Perspektive anschauen, was wir in uns, im Leben, in anderen vorfinden. Den Blick und die Richtung wechseln, das Gegenteil von dem annehmen, was wir als mies, doof, schlecht, blöd, negativ und einfach "bäh" deuten. (Scheiße ist der beste Mist ;-) ) 
aktualisiert: 7.4.14
  • Es ist so. > Nein, es ist alles ganz anders :-)
  • Das war blöd von mir. > Ja, das war eine gute Entscheidung.
  • Da hab ich Mist gebaut. > Ja, das ist mein Leben.
  • Die anderen sind schuld. > Auch wenn mir die Konsequenzen weniger gefallen, es war meine freie Entscheidung, die Dinge getan zu haben, die ich getan habe.
  • Ich finde keinen Job. > Der Arbeitsmarkt bietet für jeden heute enorme Chancen.
  • Mir tut alles weh. > Es ist gut, krank zu sein. Ich lebe!
  • Der nervt. > Diese Beziehung bereichert mich.
  • Mir ist langweilig > Was kann ich heute lernen?
  • Da habe ich einen Fehler gemacht > Da habe ich etwas entdeckt, was mir fehlt.
  • ...
Dein Kopfkino läuft eh. Die Bilder wirken. Die Technik hast Du also schon längst drauf.
Umdenken beginnt damit, mal testweise das Gegenteil zu denken von dem, was Du bislang gedacht hast.
Es wird Dir, mit etwas Übung, helfen, eine völlig neuen Sicht auf die Welt zu erleben.
Und zu dieser neuen Welt wirst Du neue Gefühle entwickeln. Bessere!
Du wirst anders handeln als bisher, denn Du denkst auch anders.
Das führt zu völlig neuen Ergebnissen.
Es wird eine neue Welt hervorbringen. 
Stell dir vor, was dich gerade völlig aufregt geschieht zu deinem Besten für Dich und diese Welt. (Thomas Körbel)
Den Beweis treten wir im Academia Aurata Coaching täglich an.
Welche Erfahrungen machst Du damit? 

Karl Pilsl bemerkt in seinem Newsletter diese Woche, dass Abschalten einfacher sei als umdenken: 
Nach dem Abschalten sollte man wieder Einschalten - aber in ein anderes, besseres Programm wechseln. (Pilsl)
Wo auch immer Du hinschaust: Umdenken ist ein aktuelles Thema.
Deutschland, so unsere Analyse, steht gut da. Ein wichtiger Grund ist das einzigartige Ökosystem aus großen und kleinen Unternehmen, Zulieferfirmen, Universitäten, Forschungseinrichtungen und Forschungsverbünden. Das „Internet der Dinge“, wie das Zusammenwachsen von virtueller Datenwelt und Produktion genannt wird, verschafft gerade kleineren Unternehmen Vorteile: Standardisierte Massenproduktion war gestern, das magische Ziel ist die „Losgröße 1“ und entscheidender Wettbewerbsfaktor die Verkürzung der Rüstzeiten. (WirtschaftsWoche <agenda@mailservice.wiwo.de> 7.4.2014)
In dieser kleinen Passage finden sich genügend Hinweise, wo der Arbeitsmarkt hingeht. Produktion 4.0 heißt es auf der Hannover-Messe. Also ist es höchste Zeit für neue Wege in Job und Karriere.
Auch Arbeitgeber dürfen umdenken.
Und den Job bei Lidl an der Kasse kann sich frau auch abschminken. 
Es wird also für Arbeitnehmende höchste Zeit, die eigene kommunikative Kompetenz zu stärken und für Arbeitgebende das Change Management einzuleiten. 
Auch dafür stehen unsere Kollegen Joachim Studt und Jörg Dankert in der Academia Aurata
Beinahe hätte ich übersehen, dass die Wirtschaftswoche eine Aufforderung an die Politiker sendet; das Zitat oben wird folgendermaßen fortgesetzt: 
Dieser erstaunlichen Innovationsfähigkeit und -bereitschaft der Wirtschaft steht die rückwärtsgewandte Politik entgegen. Vorwärts nach gestern, scheint ihre Devise zu sein: Zurück zur Rente mit 63 und generell zu einem Sozialstaatsmodell, das schon unter Helmut Schmidt gescheitert ist. 263 Milliarden Euro wird allein die verkorkste Rentenreform von CDU und SPD kosten. Stellen wir uns mal vor, wie Gerhard Schröder es als Gedankenexperiment vorgeschlagen hat, nur der halbe Betrag würde in Bildung, Infrastruktur und Forschungsförderung investiert! Der so ausgelöste Zuwachs an Wachstum und Arbeitsplätzen würde mehr Wohlstand bewirken als alle diese künstlichen Rentenreformen und Mindestlohnregelungen, die viel kosten und doch nur Umverteilen statt Mehrwert zu schaffen. Der intellektuelle Graben zwischen einer zukunftsorientierten Wirtschaft und einer kleinkarierten Politik wird immer tiefer. Neu denken oder auch nur: erst mal denken! Das wäre auch ein Schlachtruf für die Berliner Politik. (WirtschaftsWoche)
 Und wie weit bist Du mit Deinem Umdenken? 

Donnerstag, 13. März 2014

Zuhören - dem Gesang der Natur und Schöpfung

von Heinz Schüttler


Die Strahlen der Sonne wärmen die Haut und dringen tiefer ein, wenn ich für einen Moment verharre. 

Märzsonne hat Kraft sagen Sie bei uns zu Hause in der Eifel (die haben Ahnung davon), weil sie nach kurzen kalten und nassen Wintertagen diese Kraft der Sonne, dieses Leben was dort heraus will, jeden Frühling neu spüren dürfen. 
Aber vielleicht teilen Sie diese Erfahrung, auch wenn Sie nicht in der Eifel leben.

Erwachen 

Solch sonnige schöne Tage, wie wir sie jetzt in diesen Tagen erleben, wo das Leben erwacht, die Vögel beginnen zu brüten, laden förmlich dazu ein hinzuhören. 
Auch in den Begegnungen mit anderen gilt es hinzuhören. Gerade die interessantesten Menschen lerne ich nur kennen, wenn ich zuhöre und die Anknüpfungspunkte erkenne. 
Zuhören eröffnet mir anders als gedacht, eine neue Welt und schafft mir die Möglichkeit an Gemeinsamkeiten anzuknüpfen, die ich ohne Zuhören nie erfahren hätte. Zuhören muss also nicht bedeuten zu verzichten und in Abgeschiedenheit dahinzuvegetieren. Statt dessen erschließt es erst die Vielfalt in unserer Welt. 

ausgegangen?

In unserem tiefsten Innern, da will Gott bei uns sein. Wenn er uns nur daheim findet und die Seele nicht ausgegangen ist mit den fünf Sinnen. (Meister Eckart)
Auch die Propheten der Bibel und die Boten Gottes lernten erst das Zuhören wie z.B. Samuel oder auch Jona, ehe sie Anderen etwas sagen konnten und glaubhaft waren. 
Etwas weniger reden und mehr zuhören und damit offen sein für das Eintreten des Universums oder sagen wir lieber der Schöpfung in unser Leben, tut doch gut - oder? 
Wie oft wünschen sich Menschen dem Reden ihrer Mitmenschen zu entkommen. Wer hat nicht schon innerlich mehr oder weniger deutlich vernehmbar gestöhnt, wenn er mal wieder "zugetextet" wurde. 

ausgehen! 

Die Desiderata, die gute alte und doch immer aufs Neue aktuelle Lebensregel von Baltimore sagt es direkt. Sie regt an, laute Menschen zu meiden, denn sie seien eine Plage für das Gemüt. 


Einmal weniger texten zu müssen, erlöst und befreit einen vom Leistungsdruck. Momentan texten Thomas und ich zwar etwas mehr, doch das macht schließlich einen Blog aus :-) 

Samstag, 28. Dezember 2013

Kopfkino


„Von unfassbaren Katastrophen eingeschüchtert und von winzigen Störungen verfolgt, leben wir in einer durchlöcherten Normalität, durch die das Chaos uns höhnisch entgegengrinst.” (Hans Magnus Enzensberger)

von Thomas Körbel und Erika Neumayer


Die Wahrheit über unsere Persönlichkeit

Unsere sogenannte Persönlichkeit ist eine Illusion. Wir sind nicht mit uns identisch, stimmen nicht mit uns selbst überein, sind nicht authentisch. Wir bestehen zu einem großen Teil aus den Vorstellungen, die andere über uns haben sollen. Und wir vermeiden es daher allzu oft mit Vehemenz, genau die zu werden, die wir sein können (oder von Gott her sein dürfen und sollen). Das war überlebensnotwendig, nur so haben uns die Eltern lieb gehabt.

Auch unsere sogenannte Welt ist eine Illusion. Sie ist nicht mit uns identisch, stimmt nicht mit uns überein, ist widerständig zu uns, nicht wahrhaftig. Sie besteht zu einem großen Teil aus den Vorstellungen, die wir über sie haben (haben sollen?). Und wir vermeiden es daher allzu oft mit Vehemenz, genau die zu werden, die wir in dieser Welt sein können (oder von Gott her sein dürfen und sollen).

Da beklagt ein ehemaliger Kollege lauthals die soziale Kälte und vermengt dies mit der globalen Erwärmung, ein anderer Zeitgenosse pflegt dafür die soziale Wärme (aber nur mit seinesgleichen) und klagt über die Verschwörung der globalen Erkältung: "Die jährliche Grippe ist ein künstlicher erzeugter Retro-Virus der Pharmaindustrie, um uns in den Abhängigkeiten der geistigen Gefangenschaft des Systems zu halten." Verschwörungstheoretiker haben Hochkonjunktur. Aber sie leben allesamt in ihrem Kopfkino.

Die Welt geht unter? Wenn sie böse ist, ist es gut so. Dann wird es Zeit, dass sie vernichtet wird, dann muss ich mich wenigstens nicht mehr über ihren erbarmungswürdigen Zustand aufregen.

Wenn sie aber gut ist, die Welt?
Nun, wenn ein Film schlecht ist, geh ich aus dem richtigen Kino auch raus oder schalte den Fernseher ab. Guck ich nicht mehr hin, läuft der Mist "objektiv" doch trotzdem weiter, oder? 

Also hilft Wirklichkeitsverdrängung nicht weiter.
In Wahrheit konzentriere ich mich nur auf was Anderes.
Kann die Welt also gar nicht untergehen? Nur meine Konzentration kann sich um-wenden. 
Vielleicht kann die Welt nicht untergehen, es gibt sie nämlich vielleicht überhaupt nicht. Die Welt existiert nicht. Das sagt zumindest Markus Gabriel in seinem Buch "Warum es die Welt nicht gibt"Das ist aber vielleicht womöglich unter Umständen nur ein anderes Kopfkino, ein Holzweg der Gedanken.

Wie komme ich da raus?
Erst mal: Herr der Lage werden!

Wie Du Dein Kopfkino steuerst

Vor einiger Zeit machten Erika und ich uns Gedanken über das Kopfkino:
Kopfkino sind meine eigenen Gedanken meine eigenen Bilder, die mein Ego, also mein kleines Selbst einblendet und nicht das große Ganze sieht, sondern nur einen ganz kleinen Ausschnitt, den ich vielleicht erlebt und noch nicht bearbeitet habe, der dann immer wieder hoch kommt und ich auf einen anderen projiziere, den ich dann damit verletze, was ich niemals will oder wollte. Mein Kopfkino sind auch manchmal meine eigenen Ängste, mein Gefängnis, aber es kann auch wunderbar sein, wenn ich mir was Schönes vorstelle. Ich bin Herrin meines eigenen Buches. Ich will die Herrin sein. Der Regisseur bin ich selber, doch wer ist der Zuschauer? Auch ich selber, oder die anderen, das weiß ich jetzt nicht. Kopfkino sind meine eigenen Gedanken. Was ich mir vorstelle oder vorstellen kann.
Sind wir die Gefangenen unserer Gedanken oder sind wir die Herren über ihre Richtung? Die "Horde wilder Affen", wie sie mein Meditationslehrer immer nannte, tobt immer umher. Meine Aufmerksamkeit folgt ihnen. Aufmerksamkeit ist der Teil, der das Kopfkino startet und ihm Nahrung gibt.
Was passiert wenn das Kopfkino startet? Es startet ein Film den ich nicht mehr stoppen kann, ich werde dann zu meiner Sklavin oder zu meiner Herrin. Der Regisseur bin ich selbst, mein Vater, mit seiner Geschichte, eine kulturelle Prägung, oder eine kindliche Erfahrung? Mein Erlebtes? Der Zuschauer bin ich doch auch selbst? Meine Seele? Ich bin immer Herrin und Sklavin des Buches, ich muss meine Zeit in das Buch stecken, werde aber, wenn ich authentisch bin, eins mit der Zeit, es gibt dann keine Zeit mehr. Das Buch und ich sind eins.
Machen wir eine Gewohnheit daraus. Das nächste Mal, wenn der Film startet, kannst Du ihn stoppen. Du lernst es, gewöhnst es Dir an. Das ist tägliche Übung, tägliche Übung, tägliche Übung und nochmals tägliche Übung. Kein Meister fiel jemals vom Himmel, auch nicht der Meister des eigene Kopfkinos. 
Du übst, bis der Film stoppt.
Der Film stoppt. Und dann?
Dann schreibst Du ihn neu. Denn Du bist der Regisseur. Du bist das Buch. Du bist Herr und Herrin über Deine eigenen Gedanken. Wenn das geschafft ist, und das ist sicher harte Arbeit, dann überlegen wir weiter, wie wir den Film wechseln, um nicht von einem Holzweg auf den nächsten geraten zu sein.

Samstag, 14. Dezember 2013

Ikonen


(ursprünglich auf www.thomas-koerbel.de, September 2012, hier ergänzt)


Ikonen (1): East of Eden

Sind das unsere neuen Ikonen?

Heiliges Model: Freddie Abrahams

"East of Eden"
featuring Freddie Abrahams
shot by Rxandy Capinpin for Philippine magazine Status.
(morphoman.blogspot.de


Ich bin immer etwas verwirrt, wenn ich solche Bilder sehe. Warum? Man hat mich gelehrt, religiöse Bilder zu betrachten, zu deuten. Dies sind nicht Bilder des Gekreuzigten und Auferstandenen, denn es fehlen die Wundmale. Es kann auch nicht ein x-beliebiger Heiliger sein, außer dem Model selbst. Solche Bilder zu sehen, erfreut mein religiös gestimmtes Herz. Doch was ich sehe, entzieht sich dem Verstand, wie der Glaube zwar vernunftgemäß sein will, doch letztlich selbst sich dem Begriff entzieht, sich aus Formen schält und weht, wo er will.


Ikonen (2): Glaube


Fortsetzung, 1.5.2013



Faith–It’s a story that blends religious faith with fashion 


Schon wieder ein Kreuzträger in den Modeblättern. Wahrscheinlich missionieren die für Marke und Glaube zugleich, bringen Welt und Religion auf eine Weise zusammen, die in der Kirche nicht mehr zu gelingen scheint. 
Vielleicht sollten wir in der Academia Aurata mal ein Seminar zur Kreuzsymbolik und dem Jesusbild in der Werbung machen. Ich weiß jedoch noch nicht, was es an philosophischen Erkenntnissen oder an spiritueller Bereicherung bringen könnte. Sowas weckt in mir nur Fragen über Fragen. 


Ikonen (3): Gute Männer

 

Ob es nur mein Focus ist, der immer wieder solche Bilder findet, nahezu zufällig? Oder ob es nur ein besonderer Augenmerk ist, den der Theologe in mir auf jene Dinge richtet, die seinem Seelenheil zuträglich sind? Es gibt da mittlerweile eine größere Sammlung auf meinem Computer. Ich werde ab und zu eines davon hier zeigen.
(Wer es nicht abwarten kann, findet hier bei Pinterest schon mal eine andere Sammlung zum Schnuppern!)

Ein paar gute Männer also, so der Titel dieser Heiligenbildchen. 
Alle Heiligen Gottes, hier habt ihr zwei neue Kollegen. Was zeichnet sie aus, in Euren erlauchten Kreis aufgenommen zu werden? Mal abgesehen von der Optik. Was haben Sie getan? Haben Sie ihr Leben für ihre Überzeugung gelassen? Haben Sie besonders gute Taten, wahre Werke der Liebe, Wunder gar vollbracht? Sehen sie einfach nur gut aus? Andächtig betrachten und die Seele erheben im Gebet kann man allemal, immer, auch ohne solche Bilder. Mit geht es vielleicht einfacher. Was meint Ihr?