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Mittwoch, 27. August 2014

Die Seele fliegen lassen mit Augustinus

Zum Fest des Hl. Augustinus

© Thomas Körbel (2004, 2014)

Zu welchem hohem Ziel soll der Glaube die Christen beflügeln?
Doch zu nichts weniger als mit Gott zu leben, eins zu sein mit Gott, und untereinander in Liebe verbunden.
Doch wie behäbig, wie verzagt bleiben die Christgläubigen allzuoft.
Wie klein sie oft gehalten werden — und wie klein sie sich selbst doch oft halten.

Satire

Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard schrieb eine, vielleicht bissige, vielleicht witzige Satire über die christlichen Gottesdienste:
»Denke dir, es wäre so, dass die Gänse reden könnten. Dann hätten sie es doch so eingerichtet, dass sie auch ihren Gottesdienst hätten, ihre Gottesanbetung. Jeden Sonntag kämen sie zusammen, und ein Gänserich predigte. Der wesentliche Inhalt der Predigt wäre: welche hohe Bestimmung die Gans habe,
zu welch hohem Heil der Schöpfer die Gans bestimmt habe.
Mit Hilfe ihrer Flügel könne sie fortfliegen in ferne Gegenden, selige Gegenden, wo sie eigentlich hingehöre. Denn hier sei sie nur ein Fremdling.
So ginge es jeden Sonntag.
Darauf trennte sich die Versammlung, jede watschelte nach ihrer Behausung.
Und dann am nächsten Sonntag wieder zum Gottesdienst und dann wieder nach Hause.
Dabei blieb es.
Denn mochte am Sonntag die Rede noch so erhaben klingen, die Gänse wüssten sich am Montag zu erzählen, wie es einer Gans gegangen sei, die ernst hatte machen wollen mit Hilfe der Flügel, wie es ihr ging und welche Schrecknisse sie aushalten müsse.
Freilich: Am Sonntag davon zu reden, das wäre unpassend.
Dann würde ja offenbar, dass unser Gottesdienst eigentlich darin besteht, Gott und uns selber zum Narren zu halten, sagten sie untereinander. Auch fänden sich unter den Gänsen einige, die mager würden und leidend aussähen. Von ihnen hieß es unter den Gänsen: Da sieht man, wohin es führt, mit dem Fliegen ernst machen zu wollen. Weil sie sich im Stillen mit dem Gedanken tragen, fliegen zu wollen, deshalb gedeihen sie nicht, sie haben keine Freude an der Gnade Gottes, wie wir es tun. Deshalb werden wir rund, fett und lecker.
Und am nächsten Sonntag gingen sie dann wieder zum Gottesdienst, und der alte Gänserich predigte von den hohen Zielen, zu denen der Schöpfer die Gans bestimmt habe, wozu sie ihre Flügel hätten.
Ebenso ist es mit dem Gottesdienst der Christenheit.«

Seelenflug (eine Ansprache)

Mal angenommen die Satire von Sören Kierkegaard ließe sich irgendwie auf uns übertragen, auf die Beziehung der Christen zu ihrem Gott, auf unsere Suche nach Gott, auf unsere Art, Gottesdienste zu feiern und unseren Glauben zu leben.
Dann wäre doch die Frage aufgeworfen, warum unsere Seelen so selten fliegen?
Warum sie wie niedergeschlagen auf dem Boden liegen bleiben und warum uns nach den Gottesdiensten der Alltag oft schneller einholt, als uns lieb ist.
Da ich immer wieder von Menschen höre, dass dem so ist, stelle ich weitere Fragen: 
  • Warum vergessen wir oft sehr schnell, was wir hier hörten, noch bevor wir das Kirchengebäude verlassen haben?
  • Warum ist unsere Seele, unser Inneres oft nicht begeistert, nicht wirklich ergriffen vom Wort Gottes? 
  • Geben wir vielleicht vorschnell den Versuch auf, unsere Seelen zu Gott fliegen zu lassen; ich meine: noch bevor wir es versucht haben? 
  • Lassen wir uns einreden, wir seien klein, unfähig, weil schuldbeladen, sündig? 

Also dann: Wie kann sich unsere Seele hier und jetzt aufschwingen in die Gegenwart Gottes?

Die Frage hinter diesen Fragen

Klingt die Rede von der Seele für unsere modernen Ohren nicht zu erhaben, zu überspannt und sowas von idealistisch?
Ist die Rede von der Seele also frommes Gesülze oder ist sie das, worum es in unseren Gottesdiensten eigentlich wirklich und immer, einzig und allein geht?
Wir sind es gewohnt, bescheiden zu bleiben und verwechseln dies nur zu gerne mit Demut, damit bleiben wir klein und weit hinter unseren Möglichkeiten.
Augustinus mahnt uns:
»Es wird dir nicht gesagt: Sei etwas Kleineres als du bist, sondern: Erkenne, wer du bist und werde du selbst!« (Predigt 137,4,4)

Jesus ist gekommen, dass wir Leben haben —— überreich, in Fülle.

Leben zu haben bedeutet, Gott zu besitzen, der das Leben ist.
Mit anderen Worten: Jesus ist gekommen, damit Gott in unserem Leben vollkommen gegenwärtig sein kann.
Was bedeutet es also, auf Gott zu hören, auf den guten Hirten, seinen Sohn?
»Ihr habt es eben gehört, meine Schwestern und Brüder, als das Evangelium verlesen wurde — natürlich, wenn ihr nicht nur das Ohr des Leibes, sondern auch [das Ohr] des Herzens offen hattet.« (Augustinus, 8. Predigt, in: Unteilbar ist die Liebe, S. 12; Sätze wie diese stehen immer wieder in Augustins Predigten...)
Also, was hörten wir? Mit unseren Herzen? Wir hörten: 
Geliebte, wenn Gott uns so geliebt hat, so schulden auch wir, einander zu lieben. (1 Joh 4)
Papst Johannes Paul II. hat einmal bei einer Generalaudienz mit einem Verweis auf Augustinus die Christen aufgerufen, "Propheten des Friedens und der Liebe" zu sein.
Das bedeutet doch wohl dies: Wenn wir auf Gott hören, dann lieben wir einander, dann erkennen wir Gott. Wenn wir einander lieben, ist Gott da. Und dann sehen es auch die, die nicht glauben oder nicht mehr in die Kirche gehen. Wer nicht liebt, hört nicht und erkennt nicht — und wird auch nicht erkannt. Dessen Seele fliegt dann auch nicht.
Aber — werdet ihr fragen:
Was heißt das überhaupt, die Seele fliegen zu lassen?
Wer von euch einmal verliebt war oder einen Menschen liebt, hat eine Ahnung davon, was es heißt, dass die Seele fliegt. Und dieses Empfinden — überreich — das ist Gottes Nähe.
Glaubt ihr, dass Gott euch liebt?
(Ihr schweigt?)

Ich muss vielleicht noch mal anders anfangen:
George Lucas, der Macher der "Star Wars" Filme sagte einmal:
Ob gut oder schlecht, der Einfluss der Kirche wurde aufgelöst. Film und Fernsehen geben uns vor, wie wir unser Leben führen sollen."
Wisst ihr was, ich glaube er hat recht. Wer außer den wenigen in den Gemeinden, wer hört noch auf das, was die Kirche sagt? Und hören wir richtig, also mit dem Herzen?
Und gleichzeitig: ich entdecke immer wieder die feinen Spuren des Evangeliums im Kino, wie Gott auch dort zu Menschen spricht. Was wäre das auch für eine Frohe Botschaft, die nicht alle möglichen, neuen, phantasievollen und ja, selbst solche Wege gehen würde, die für uns ungewohnt und befremdlich sind? Will sie doch auch von jenen empfangen werden, die Gott nicht mehr in der Kirche hören wollen. Das bedeutet es zumindest für mich, wenn ich höre, dass mein guter Hirte noch andere Schafe hat, die nicht aus dieser Herde sind. Auch die muss er führen, dass sie seine Stimme hören.

Hallelujah

Eine Ahnung, was das Fliegen meiner Seele anbelangt, habe ich im Kino bekommen, als ich die Neuverfilmung von "Ladykillers" der Brüder Coen sah. Einige Szenen spielen im Gottesdienst einer von Afroamerikanern besuchten Freikirche. 
"Hallellujah", schreit der Prediger (was auf Deutsch ja: "Lobt Gott" bedeutet) und er ruft der Gemeinde zu: 
"Gott liebt euch."
Ja, schreit die Gemeinde begeistert zurück.

Und hier, als ich eben fragte?
Schweigen!

(Wenn wir jetzt im Fernsehen, wären, würde ich euch so lange anfeuern, bis das wirklich gut klappt, so wie die Athleten in Olympia die Hände heben und die Leute klatschen lassen, um selbst angefeuert zu werden. Aber wir sind ja nicht im Fernsehen. Wir feiern Gottesdienst.)

Haben wir etwa Angst?
Jetzt laut zu werden und zu rufen, empfinden wir als peinlich, als blamabel, wie unpassend für solch einen heiligen Ort — und auf keinen Fall tut man sowas nicht im Gottesdienst, und es entspricht nicht unserer Mentalität in ekstatisches Geschrei zu verfallen während der feierlichen Andacht inmitten eines christlichen Gottesdienstes. 
Und außerdem, ja, außerdem sind wir hier nicht im Film.
Wirklich nicht?

Wenn ich die Predigten des Heiligen Augustinus lese, lese ich Mitschriften eines Ereignisses, keinen trockenen Text. In meiner von Filmen genährten Fantasie steht vor ihm eine Gemeinde, die lebt, die auf seine Worte reagiert, die dazwischenruft, Fragen stellt. Eine Gemeinde, die mitfeiert, die mit-denkt. Augustinus rührt ans Herz seiner Zuhörer (davon kann ich nur träumen) und er ist zugleich ziemlich locker. Er predigt zu Menschen: Matrosen, Handwerker, Bauern, einfache Leute, vielleicht einige in der Stadt ansässige Beamte, Gebildete, und da, auf den Ehrenplätzen, ein paar Reisende, Bewunderer des Predigers, die gekommen sind, seine Weisheit zu hören. Sie waren sicher enttäuscht, denn der hochgebildete Augustinus war sich nicht zu schade für derbe, gewöhnliche und sogar ordinäre Ausdrücke ("Vulgarismen"). Augustinus predigt vor seiner Gemeinde und fragt:
Warum aber, wenn die Liebe erwähnt wird, springt ihr auf, applaudiert und stimmt zu?
und an anderer Stelle:
Die Liebe wird erwähnt und ihr brecht in Beifall aus.
Also, da ging es anders zu als bei uns, doch eher wie im Film, oder?
Ich liege sicher falsch mit der Annahme, dass euer Schweigen von vorhin bedeutet, dass euch diese Liebe Gottes nicht die Bohne interessiert. Wir müssen ja auch nicht laut schreien. Ein wenig Begeisterung und ein frohes Lächeln wären aber schon mal ein guter Anfang. Das würde zeigen, dass in unseren Gottesdiensten Herzen berührt werden und Seelen anfangen, Flugversuche zu unternehmen.
Dann und wann hab ich das auch schon mal erlebt.

Gott sehen

Natürlich darf's nicht beim Lächeln bleiben, es gehört noch ein wenig mehr zur gelebten Liebe, davon wisst ihr vielleicht mehr und anderes als ich. Wenn wir aber einander lieben, erzählen wir uns gegenseitig davon, und Gott, so sagt uns die Schrift, bleibt eins mit uns — und wir sehen Gott.
Augustinus sagt:
»Du kannst mir sagen: Ich habe Gott nicht gesehen! Kannst du mir etwa auch sagen: Ich habe den Menschen nicht gesehen? Liebe [die Schwester und] den Bruder! Denn wenn du [die, welche] du siehst, liebst, wirst du zugleich auch Gott schauen; denn du wirst die Liebe selbst schauen, und in ihr wohnt Gott.« (Augustinus: Predigten zum 1. Johannesbrief 5,7)
Wir könnten Gott schauen und hören, nicht nur im Gottesdienst, im "Wort Gottes" aus der Bibel, das wir vorlesen, in unseren Mitmenschen. Wir könnten Gott in unseren Seelen hören, in den Zeichen, die uns das Leben selbst schenkt, das ja von Gott ist. Zeichen, die im Kino, in der Werbung, im Alltag und in Mitmenschen zu uns sprechen.
In der Allgegenwart der Werbung zum Beispiel, kann ich, statt mich zum Konsum verführen zu lassen, in ihr das leise Wort Gottes hören und meine Seele zur Anschauung Gottes fliegen lassen.
Ich fand einmal einen Bierdeckel, darauf steht: 
Hacker-Pschorr, Himmel der Bayern.
Wenn diese Bayern bei jedem Bier statt an den bloßen Genuss auch an den Himmel denken würden, wenn sie in der Liebe zum Bier eine Spur der Liebe Gottes entdecken würden, könnte das nicht ein Flügelschlag ihrer Seele sein?
Und wenn ja, dann hoffe ich, dass auch unsere Seelen beim Bier und bei all den anderen Genüssen einen kleinen Vorgeschmack auf den Himmel bekommen.
Augustinus spricht noch viele andere Worte, Worte aus einer anderen Zeit, in einer manchmal seltsamen Sprache, über die Liebe, über Gott, über die Freundschaft, den Besitz und viele andere Themen.
Gedanken, die ich (vielleicht) noch ein anderes Mal hier äußere.
Viele seiner Worte gehen mir nahe, sie erlauben mir einen Höhenflug meiner Seele, besonders aber dieses letzte, das ich euch mitgeben möchte auf euren Weg aus diesem Gebäude, in einen Festtag und in euer Leben im Alltag. Es gilt uns allen und es erlaubt uns eine von Gott gewollte Größe, die niemanden von uns vergisst und klein belässt, weil die Liebe Gottes zu uns nicht allein sein will; Augustinus sagt:
»Jeder ist so, wie seine Liebe ist. Liebst du die Erde? Dann wirst du Erde sein. Liebst du Gott? — Was soll ich sagen? — Du wirst Gott sein. Aus mir selbst wage ich nicht, dies zu sagen, doch die Schrift sagt es.« (Predigten zum 1. Johannesbrief 2,14)

Freitag, 30. Mai 2014

Die Frohe Botschaft der Exkommunikation.

Papst exkommuniziert Chefin von "Wir sind Kirche"

Die österreichische Vorsitzende der katholischen Reformbewegung "Wir sind Kirche" wurde exkommuniziert. Martha Heizer und ihr Mann dürfen nicht mehr an den Sakramenten teilnehmen. 
Die strengste Strafe, die die Kirche verhängen kann, weil zwei Menschen, die nicht zu Priestern geweiht waren, in ihrem Privathaus Messen gefeiert  haben? 
Es heißt, von den Missbrauchstätern sei bislang keiner exkommuniziert worden. Ich kann das nicht überprüfen.
Aber mit welchem Maß wird da gemessen? 
Das vermeintliche schwere Vergehen, das Martha Heizer vorgeworfen wird, begehen täglich auf der Welt Hunderte von katholischen Gruppen. Es ist eine Folge des Priestermangels, dass Gläubige manchmal auch ohne geweihten Priester gemeinsam Gottesdienst feiern. Statt das zu bestrafen, sollte man diese Form des Laienengagements begrüßen und sich darüber freuen. Christian Weisner (30.5.2014)
Wenn ich also zukünftig ein Brot breche, und einen Wein trinke, und dabei einen Segen spreche, exkommuniziere ich mich dann auch selbt?
Oder werde ich ausgeschlossen, wenn ich das auch noch öffentlich bekannt gebe? 

Also, ich sehe das so:
Entweder war das unerlaubt und ungültig. Denn wenn die beiden nicht geweiht waren, war das keine Messe, im katholischen Sinne. 
Dann sehe ich keinen Grund für eine Strafe.
Dann wäre es einfach nur ein Irrtum der Handelnden. 
Das sowas in der Kirche bestraft wird, befremdet, wirkt wenig menschenwürdig. 

Die Frohe Botschaft dieser Exkommunikation.

Oder war das gottesdienstliche Handeln gültig?
Das muss wohl so sein. Das legt die Bestrafung nahe. Nur geweihte Pfarrer dürfen das.
Und das ist ein Grund zur Freude, denn wenn das "gültig" und somit bestrafenswert ist, was Frau Heizer tat, dann "funktioniert" das Geschehen der Messe, die Wandlung und Transsubstantiation, auch ohne Weihe. 
Das wäre nun wahrhaft die Frohe Botschaft dieses Urteils. 
Eine gültige Wandlung von nichtgeweihten Menschen. Laien, bei den Katholiken. Also ist das von allen Evangelischen, allen ordinierten Männer und Frauen und allen Laien gültig. 
Endlich sind wir autonom. 
Das Priestertum aller Gläubigen, verwirklicht, und durch ein Urteil der Kirche bestätigt. 
Ein Schritt weiter, das Klerikertum abzuschaffen? 
Habt Mut, zu wandeln, zu feiern. Wandelt. Wandelt Euch, wandelt die Welt! Denkt um! 
Gültige Messen feiern. Für alle. Mit allen. Das ist gelebte Spiritualität und Seelsorge. 
Wie der in den Menschen verliebte Gott es wollte.

Ich breche gerne das Brot. Trinke Wein, symbolisch, zeichenfaft, und bete dazu einen Segen. Allein, wie es sich für einen Eremiten gehört.
Und ich überlasse es anderen, darüber Ihren Hirtenstab zu brechen. 
Wer will feiert mit. Virtuell, oder real. Das macht keinen Unterschied, im Geiste. 

Lies auch hier zum Thema Papst. 

"Wer sind wir, dass wir uns anmaßen dürften, Türen zu schließen, die der Heilige Geist öffnen will?" (Papst Franziskus)

Montag, 12. Mai 2014

Wie Du Deine Sehnsucht steigerst

Gebet der Sehnsucht

Dein Sehnen ist dein Gebet
Und wenn es ein ununterbrochenes Sehnen ist,
dann ist es ein immerwährendes Gebet.
Willst du ohne Unterlass beten,
dann höre nicht auf,
dich zu sehnen.
Dein Sehnen ohne Unterlass ist deine
ununterbrochene Stimme.
Wer sich sehnt,
singt im Herzen,
auch wenn die Zunge schweigt.
Wer keine Sehnsucht hat,
ist stumm vor Gott,
wie laut auch sein Schreien
in den Ohren der Menschen widerhallt.
Aber wer sich sehnt, singt im Herzen,
auch wenn die Zunge schweigt.
(Augustinus)


Sehnsucht gehört zu jedem Menschen

Man muss mit allem zufrieden sein. 
Das höre ich oft. 
Haben solche Menschen die Sehnsucht aufgegeben? 
Oder haben sie all ihre Sehnsucht ins Reich der Träume verwiesen?
Nur Mut, suche sie wieder! 
Jeder Mensch sehnt sich im Grunde nach Geborgenheit, nach Liebe, nach wahrer Heimat, nach Echtheit und Freiheit. 
Für mich sind das große Sehnsüchte, die letztlich nur von Gott erfüllt werden können. 
Letztlich nur von Gott bedeutet: Menschen und Dinge sind da nur vorläufige Sehnsuchtserfüller. 
Die können es, bis zu einem gewissen Grad, ja. Das ist gut. 
Und dann fehlt doch noch was. 
Was?
Sehnen kommt von liebend verlangen, sich härmen. Es hat mit Schmerz zu tun. 
Aber es ist ein süßer Schmerz. Denn der Mensch fühlt sich in der Sehnsucht durchaus lebendig. Er spürt, dass die Sehnsucht etwas ist, was ihn über diese Welt hinaus führt. 
Ohne den geht es nicht. 
Mehr Sehnsucht? 

Bei Sehnsucht fehlt noch was

Ob Du willst oder nicht, in allem, wonach Du leidenschaftlich suchst, sehnst Du Dich letztlich nach Gott. 
Ein Beispiel gefällig? 
Wenn Du mit allen Kräften nach Reichtum aus bist, so wird der Besitz Deine Sehnsucht nicht erfüllen. In der Suche nach finanzieller Unabhängigkeit steckt die Sehnsucht nach Ruhe, nach Zeit, nach Freiheit, dass Du endlich zu Dir selbst kommen kannst, dass Du etwas tun kannst, was Dir mehr Freude gibt als das, was Du jetzt tust. 
Wenn Du nach Erfolg strebst, nach Anerkennung, so steckt dahinter die Sehnsucht, wertvoll zu sein. Aber Du weißt, zugleich, dass kein Erfolg Deine Sehnsucht zu stillen vermag, wenn Du Dich nicht selbst wert-schätzt. 
Du erfährst auch Deinen göttlichen Wert erst in Gott. 
Wenn Du Dich nach Freunden sehnst, suchst Du nach Unabhängigkeit, nach Echtheit in Beziehungen, nach mehr, spürst Dich in Deiner Gebrochenheit und willst vom Menschen ganz gemacht, geheilt werden, suchst nach dem Deinen, suchst Dich, spürst, Du hast Dich noch nicht. Du kannst nicht lieben, willst haben, willst mehr sein. 
Und manchmal setzt Dich ein Mensch auf Entzug. 
Sehnsucht ist eine gute Sucht. 
Sie ergreift Dich ganz. Du spürst die Sehnsucht in Dir. 
Im Lateinischen heißt Sehnsucht desiderium. Das kommt von den sidera, den Sternen. Sehnsucht ist also der Weg die Sterne auf die Erde zu holen. 
Die Sehnsucht bringt den Himmel auf die Erde. 
Sie schafft in Dir den Raum der Weite und des Himmels. Dein Raum. 
Pocht in Dir auch eine solche unerfüllte Sehnsucht nach mehr und nach dem Ganz Anderen? 
Lass Sie wachsen und sich vermehren. 
Wenn alle sich mehr sehnen, wird auf die Grenzen des Wirklichen ein starker Druck ausgeübt werden. Dieser Druck wird ein Ergebnis herbeiführen. 
Die Erfüllung der Sehnsucht. 

Es folgen nun in der Academia Aurata ein paar Tage der Abwesenheit.
Vielleicht wird auch meine und Deine Sehnsucht nach ihr damit größer ;-) 


Mittwoch, 16. April 2014

Ostern

Warum ist diese Nacht anders als alle anderen Nächte?

Warum ist diese Nacht anders als alle anderen Nächte? Warum hören wir, was wir schon wussten und warum gehen wir zurück zum Anfang?
Diese Nacht ist so anders, weil Gott mich daran erinnern will, dass ich als ein einmaliger Mensch geschaffen wurde, als Mann und als Frau. Ich soll nochmals und wieder und immer wieder hören und lesen, was unerhört ist, was ich schon wusste, soll es neu zu hören, weil Gott mich kennt und weiß, dass ich dazu neige, zu vergessen, was ich bin:
Ein einmaliger Mensch.
Mit meinen Fähigkeiten kann ich vor Gott stehen, mit meiner Lebensgeschichte, mit traurigen Erlebnissen, mit Krankheit, Tod und Verlust, mit vielen Erfahrungen, die mich geprägt haben — manche mehr, als mir lieb sind.
Auch mit meinen freudigen Augenblicken stehe ich vor meinem Gott, mit meinen Gedanken, Sehnsüchten, mit den Hoffnungen, aus denen ich meine Träume und Visionen schöpfe, und mit dem Willen, meine Zukunft auf diesem Planeten zu gestalten.
Und ich soll es nicht nur nochmals hören — ich will es auch hören, was ich schon längst weiß, weil Gott mir Freiheit schenkt in seiner genialen Schöpfungs-Ordnung.
Denn es ist — gottlob — nicht mein Schicksal, wie die Sterne über Raum und Zeit hinweg zu leuchten, nicht wie die Seetiere bin ich verdonnert, im Meer zu wimmeln; bin nicht wie die Kriechtiere auf dem Erdboden: aufrecht darf ich sein und gehen.
Gott richtet, richtet es, mich richtet Gott auf.
Ich darf selbst meinen Ort suchen und gestalten, kann wählen, wo ich mich engagiere und kann auch von dort wieder weggehen an einen neuen Ort — oder auch einmal ganz weg aus diesem Leben.
Denn manchmal ist meine Energie zu Ende, da wünschte ich mir, es gäbe ein Ort, an dem mein ruheloses Herz Ruhe findet, da wünschte ich mir eine Heimat und Geborgenheit, eine Problemlosigkeit, die es auf dieser Erde nicht gibt, da möchte ich mit jemandem zusammen sein, bei dem ich einfach so sein darf, wie ich bin.
Dann möchte ich, dass die Schöpfung ihren Atem anhält — für einen Moment, Karsamstag, nur eine kleine Atempause bitte.
Und schon geht es weiter, unerwartet und plötzlich geht es immer weiter und weiter, und es wird Abend und es wird Morgen und es wird und wird und wird — und ich?
Bin ich schon ganz fertig? Schon fix und fertig? Also vollendet? Fix und fertig bin ich oft, erschöpft, aber kaum fertig und zu Ende geschöpft, geschaffen, vollendet.
Vielleicht fange ich heute mal wieder ganz neu an.
Ein Wunsch, den ich mir erfülle,
  • eine Hoffnung, die ich laut denke,
  • ein kleines Licht,
  • ein neuer Atemzug
und siehe: es ist sehr gut: Ich bin ein Mensch — und ich werde...

Schöpfung — Gen 1,1-2.2

Sie ist so mehrstimmig in ihrer Einzigartigkeit, diese Nacht, sie ist so anders, weil sie nicht nur gibt und schenkt, sondern weil sie auch fordert.
Gott schenkt mir, und verlangt zugleich, was mir in dieser Nacht zugesprochen wird.
Und diese Nacht will ich es nochmals hören, das Oftgehörte Unerhörte Ungehörige.
Diese Nacht hat es in sich, das Geheimnis.
Diese Nacht geht mit mir das Risiko ein, dass ich sie missverstehe, wie alle Geheimnisse.
Vielleicht werde ich dazu neigen, Dinge, die mir lieb und teuer sind, etwas schnell und bereitwillig aufzugeben. Vielleicht werde ich als Willen Gottes deuten, weil ich etwas höre, was Gott mir gar nicht sagt. Das Risiko des Irrtums bleibt mir in dieser so anderen Nacht, weil ich ein Mensch bin, in dieser Welt — und es gehört zu meiner Freiheit, die ganze Geschichte falsch zu verstehen — leider Gottes.
Aber wenn ich mich traue, einmal gegen meine bisherigen Überzeugungen zu handeln, wenn ich mein mir Liebstes einmal aufzugeben bereit bin, kann es geschehen, dass sich zum Segen wendet, was als Schrecken begann.
Und wenn ich aufschaue, wenn ich auf euch schaue, dann sehe ich, dass Gott anders will und anders ist, nicht nur diese Nacht, und das will ich jetzt noch einmal hören: dass Gott sich mir in seiner ganzen Unbegreiflichkeit vor Augen stellt und mir sogar in den Ohren dröhnt.

Opferung des Isaak — Gen 22,1-18

Diese Nacht ist so anders, weil mich erinnert, dass ich ein Gefangener bin, Sklave in fremdem Land. Oft genug meines eigenes Lebens, meiner Gedanken Gefangener,im Kopfkino verirrter. Vorgegebenes als auch Selbstgewähltes bestimmen mein Leben. Mein Selbstverständnis beschränkt mich wie meine Rolle am Arbeitsplatz: Sklave des Zwanges, Geld verdienen zu müssen. Knecht auch der Familie, waschen, putzen, spülen, stopfen, mein Leben in meinen alltäglichen und nichtalltäglichen Aufgaben.
An meinen Grenzen ecke ich an und hole mir blaue Flecken — und ich falle und stehe wieder auf. Mein Tagesablauf, meine Notwendigkeiten — es ist vieles geregelt.
Das ist sehr gut, doch möchte ich manchmal vor mir davon laufen.
Gott erinnert mich in dieser Nacht, dass ich aufbrechen kann.
Nicht alles ist auf ewig zementiert, was mich im Moment nicht atmen lässt.
Gott erinnert mich, dass die Entscheidung zum Aufbruch bei mir liegt; es gibt keine unüberwindlichen Hindernisse. Ich muss kein anderer sein als der, der ich bin, aber es fordert Bewegung, genau dieser auch wirklich zu sein.
Und manchmal dauert es lange, lange, bis ich endlich aufbreche und kaum auf dem Weg, bekomme ich Angst vor meinem eigenen Wagemut.
Bisweilen muss ich aber zu meinem eigenen Heil manches zurücklassen, wenn nicht gar alles. Manchmal muss ich sagen: So nicht mehr und das ist vorbei. Mit mir nicht!
Das ist der Preis meiner Freiheit, er ist oft hoch, aber ihn nicht zu zahlen, wäre ein Verrat an mir selbst. Und so sage ich, mit Freude und Trauer zugleich, will es sagen: "Nach mir die Flut" — auch, wenn ein Ägypter das sicherlich anders sehen würde.

Exodus — Ex 14,15-15,1

Diese Nacht führt mich in die merkwürdige Beziehung Gottes zu den Menschen ein, ja, zu mir.
  • Eine Liebe, die mir un-verständlich ist, so wie meine Liebe unerhört ist/bleibt ... Mein Verstand fasst sie nicht.
  • Eine Liebe, so unglaubwürdig, unerhört, ungehörig, unmoralisch, weil ich sie so sehr anders erfahre als ich sie gerne hätte.
  • Eine Liebe, so groß, dass sie außerhalb meiner Erfahrung ruht, weil kein Mensch auf diese Weise mich je geliebt hat.
Daher fürchte ich mich vor dieser schwer nachvollziehbaren Treue Gottes zu mir.
Aber auch weil ich so wechselhaft in meinen sturmgepeitschten Gefühlen bin.
In dieser Liebes-Nacht erinnert Gott mich als geprüftes Gegenüber; und nach meiner Empörung über diese merkwürdige Erziehung von sich annäherndem Entziehen und von neuem verlassenen Nahekommen, spüre ich, fern von Bedrängnis:
Ich muss mich nicht mehr fürchten.
Staunend sehe ich: ein Trost steigt auf aus meiner Klage, Flut schwemmte nicht alles weg, nicht alles ist gescheitert, dort am Kreuz — und ich, wo stehe ich?
So langsam verspüre ich wieder einen festen Boden unter den Füßen.

Jerusalem — Jes 54,5-14

Diese Nacht ist so anders, Gottes Nacht ist sie und Gottes Vergeltung bedeutet, dass andere Maßstäbe gelten als bei mir. Gott ruft nicht nur mich, auch andere Menschen, dies ist die Andere Nacht, die selige Nacht, die Himmel und Erde versöhnt, Gott und Menschen verbindet. Nicht alleine bleibe ich in meiner Nacht-Klage.
Gemeinschaft ruft mich.
Aber kein Herrschen über, kein Dienen unter mir.
Geld, Ansehen, Position, Studium und Bildung, Geschlecht, Lebensform, Privilegien  — unsere Unterscheidungen kennt Gott nur zu gut, sie sind nicht mehr brauchbar.
Gott ruft, und ich darf, frei und mutig, Gott Gott sein lassen, darf mich an Menschen binden: Mich erhört und erinnert ein Gott mit Gedanken, die nicht meine Gedanken sind und erinnert ein Gott mit Wegen, die nicht meine Wege sind.
Und mir an manchen Begriffen die Zähne ausbeißend, entdecke ich doch im Wort Gottes einen Geschmack, der vorher nicht da war; überschmeckt war.
Denn nun, da ich Unerhörtes höre, lebe ich.
Mein Durst wird gestillt, und schaut: auch mein Hunger findet Nahrung an Gottes Tisch.

"Auf Ihr Durstigen, kommt" — Jes 55,1-11

Diese Nacht ist so anders als alle anderen Nächte, sie öffnet mir Augen und es wird mir immer heller, neues Leben regt sich.
Es will heraus. Das Innere.
Mir ist, als ob ich schwanger wäre.
Direkt vor mir, genau da, eine Tür, eine Öffnung, die mich aus einem dunklen Grab, dem schlafend ruhenden Leib hinaus, in eine zauberhafte, helle Landschaft führt. "Du Gott des Lichts auf dessen Reich der helle Schein der Sonne weist." (Hymnus zur Sext)
Gerade eben neu gemacht, so sieht sie aus.
Als Nicht-Abgenutzte, Nicht-Verschlissene, erkenne ich sie kaum wieder, da ich den Raum dahinter noch nie betrat.
Kein blinder Gehorsam zwingt mich, zu gehen.
Ein sehendes, freies Einverständnis drängt mich, den Schritt zu wagen.
Ein Rufen!
Zitternd sag ich mein "Hier bin ich".
Weisheit und Einsicht, von Gott gelehrt, von mir so lange nicht gewollt, schwer erkannt, unter Schmerzen geboren. Und habe kein Wort, kein Gefühl, kein Bild zu zeigen als mich selbst.
Das ist die Kraft meiner Nacht, die mich gefunden hat, die mir eine Tür in einen neuen Morgen öffnet.
Ich weiß nicht, soll ich durch diese Tür gehen?
Ich möchte so gerne, doch was ist mit euch?
Geht ihr mit?
Lasst bitte, zurückbleibend, mich nicht alleine gehen, sonst will ich auch bleiben — hier im Dunkel — mit euch.

Lerne, wo Lebensglück ist — Bar 3,9-15 und 32-4,4

Diese Nacht, so anders!
Gott, erinnert mich, erhört mich. Gott ist ein leidenschaftlicher und lebendiger Gott, ist sinnlich, spielerisch, mal zärtlich und mal wild. So nimmt er mich, lässt sich immer wieder neu auf mich ein.
Da, ein Schlag dringt nach Außen. Ein Herz-Schlag. Ein Stein bricht auf, wo mein Herz war — und da schlägt es wieder und wieder und wieder mit ruhigem Puls.
Gott macht lebendig, wieder lebendig.
Fleisch und Blut, und es heilt jetzt leise unter uns. Erstarrt war, lebendig wird — spürt ihrs? Es glüht, wird wärmer, heller, lichter, klarer.
Wo ich gescheitert bin, kommt neu das Leben in Fülle, reinigendes Wasser, neue Gedanken in neuem Geist. Und aus der Nacht, die über mich kam, aus der Dunkelheit, von der die Nacht stammt, in der ich lebe, wird Kraft, große Kraft:
Gott, ich glaube dir diese Nacht.
Und ich höre, hört ihrs nicht? Da lebt was. Da wacht etwas auf vom Tode.

Die Verheißung eines neuen Lebens — Ez 36,16-17a.18-28

Christus ist auferstanden!

Es folgen die neutestamentliche Lesung und das Evangelium
Röm 6,3-11


Evangelium Mt 28,1-10

http://jobo72.wordpress.com/2014/04/17/millionen-christen-durfen-nicht-feiern/

Wir dürfen feiern! Christus ist auferstanden!

Karfreitag

Die Karfreitagsliturgie ist wohl die älteste und ursprünglichste Form eines christlichen Gottesdienstes, es ist mit dem Abendmahl und der Auferstehungsfeier der wichtigste Gottesdienst der Christenheit — und zugleich der befremdlichste.
Er sollte es sein. Ist es oft nicht. Sie halten es nicht aus. 

Du hältst es nicht aus.

Kein Blumenschmuck, kein Trauergesang, keine Kerzen. Kein Tanz!
Das Kreuz als trostloses Zeichen alleine, wirft uns auf uns selbst zurück.
Es gibt keine Eucharistie, ja, nicht einmal eine Kommunionfeier.
(Das wäre wünschenswert. Aber man hält es nicht aus.)

http://jobo72.wordpress.com/2014/04/17/millionen-christen-durfen-nicht-feiern/

Wir dürfen feiern! Wir wollen nur nicht mehr, oder?

Nichts, womit wir normalerweise Zeichen von Gottes Nähe zu uns Menschen erleben, kann uns über die Tatsache hinwegtrösten, dass Jesus stirbt —  

jetzt, am Kreuz

— und weil der, den wir für den Sohn Gottes hielten, am Kreuze hängt und stirbt werden wir heute in unserer Erinnerung, in unserem Inner-en, Inner-sten mit ihm gekreuzigt und ihm nachsterben.


Jetzt wird mein Elend voll, und namenlos erfüllt es mich. Ich starre wie des Steins Inneres starrt. Hart wie ich bin, weiß ich nur Eins: Du wurdest groß — ...und wurdest groß, um als zu großer Schmerz ganz über meines Herzens Fassung hinauszustehn. Jetzt liegst du quer durch meinen Schooß, jetzt kann ich dich nicht mehr gebären. (Rainer Maria Rilke)
Die Mutter trägt ihr totes Kind. Kein Gott, keine Erlösung greifbar, kein Messias und Heiland mehr, der Deine Not lindert, und Dich Menschlichkeit lehrt. Der Tod hat ihn erlöst, und Dich und uns hat er vergessen. Wie sehr Gott in ihm auch in die Welt gekommen sein mag; heute ist er tot; aus den Augen, aus dem Sinn.

Er starb nicht

Er starb nicht, er verreckte am Kreuz, verendete. Wir haben sein Folterinstrument, das Kreuz als Schmuck in unsere Wohnzimmer gehängt und es somit sehr schnell überspielt und verharmlost. Da hängt er, hübsch in Silber und Gold gegossen, oder aus Holz geschnitzt, damit man das viele Blut nicht mehr sieht.

Wie fühlst Du Dich?

Jetzt? Schrei laut auf, rauf Dir die Haare, streu Asche aufs Haupt, zerreiß Deine Kleidung, bedecke die Statuen und Kreuze, verbrenne die Blumen, wirf die bunten Fenster der Kirchen ein und lass keinen Stein eines jeden Gebäudes auf dem anderen.
Welcher Gott, welcher tote Heiland liegt dir quer?
Oder sitzt dir dein Gott im Nacken? Fühlst du dich von ihm überwacht, kontrolliert, beobachtet? Er flüstert dir vielleicht ein, du wärest ein schlechter Mensch, voller Fehler, dass du alles falsch machst. Du meinst, du müsstet es nur besser machen, dann würde Gott dich lieben, dann würdest du auch ein bisschen Glück im Leben haben? Gleichzeitig stehst du da, betrachtest vielleicht alle anderen als etwas Besseres als du selbst es bist; oder bist du verschlagener, argwöhnisch den anderen gegenüber: Sie werden wohl etwas im Schilde führen, sie sind hinterhältig.
Du bestehst auf dein Recht? Du kämpfst mit allen Mitteln darum, du musst Recht haben? Was Du sagst, das ist die Wahrheit. Du setzt deinen Willen durch und ständig streitest du mit anderen um nutzlose Kleinigkeiten, ob nun zu viel oder zu wenig Haare in der Suppe sind. Du siehst es grundsätzlich immer anders als der Rest der Welt es sieht? Du suchst dein Heil auf dem Rücken anderer zu finden und merkst nicht, wie deren Rücken unter deinem Gewicht immer krummer und unter deinen Peitschenschlägen zu platzen beginnt.

Du bist stolz auf deine Unabhängigkeit von deinen Mitmenschen. Du genügst dir selbst? Du willst nicht auf andere angewiesen sein, willst selbst stark sein? Männer sind so! Frauen müssen auch stark sein. Das kostet viel Kraft. Du wirst dich wohl nicht allzu sehr vom Mitgefühl mit anderen bewegen lassen, das Leid der Welt, es zieht an dir vorüber. Barmherzigkeit mit den Schwachen ist eine gute Idee, vielleicht verstehst du sogar was davon: Man soll schon Gutes tun, brav sein und so ... Aber du bist vor Jahren mal beleidigt worden und bist bis heute unversöhnlich. Und das bleibst du für alle Zeiten?

In der Tiefe Deines Herzens gibt es keinen Platz für einen Gott, der sich am Kreuz ganz schwach machte, keinen Platz für einen Gott, der am Kreuz hängen bleibt, auch nachdem er aufgerufen wurde, sich als kraftvoll und mächtig zu erweisen, sein Leben wieder in die eigene Hand zu nehmen und endlich Ordnung zu schaffen und aufzuräumen. Kein Platz für einen Gott der sich als ohnmächtig erweist. Denn da ist schon ein anderer Gott.
Gib diesem falschen Gott einen Kuss, verrate ihn. Lade deinem Gott das Kreuz auf den Rücken, auf den Kreuz-Weg schick ihn und lass Dir diesen Gott nicht länger quer liegen, überlass ihn seinen Gegnern, aus dem Weg mit ihm, aus den Augen, aus dem Sinn.
Schlag ihn ans Kreuz, deinen Gott, lass ihn dort hängen und elendiglich zu Grunde gehen, hab kein Erbarmen mit ihm, warts ab, ob er vom Kreuz heruntersteigen wird, wenn nicht, soll er doch hängen bleiben, aus dem Weg mit ihm, aus den Augen, aus dem Sinn.

Und Wir anderen?

Bleibt hier, wachet mit mir, mit mir hier, oder geht einfach weg. Wir wachen nicht mehr, wir beten nicht mehr, wir glauben nicht mehr. Was auch immer wir davon vielleicht einmal taten, es hat offensichtlich nicht viel gebracht.
Alle Grausamkeiten, die andere ihm antaten, es waren ja immer die anderen, haben wir übertüncht. Wir können nun schreien, klagen, weinen, uns Asche aufs Haupt streuen, aber selbst wenn wir unsere schönen Kirchen abreißen, ändert das nichts mehr. Alle unsere Hoffnungen sind zunichte, Erwartungen auch, mit ihm eben an diesem Kreuze jämmerlich zugrunde gegangen. Unser Leben ist missglückt, kein happy end. Grausame Wahrheit. Aus den Augen, aus dem Sinn.
Wir halten es nicht lange aus, unter dem Kreuz aus, möglichst schnell verschwinden wir aus seiner Todes-Stille, die auf den letzten Schrei folgte, haben den Stein abgelegt,vors GRab gerollt, schon beinahe vergessen, wo wir standen, gleich ein Gebet gesprochen und hören vielleicht, vielleicht eher nicht, irgendwelche Worte eines Predigers, der meint, vielleicht eine Antwort geben zu können.
Ach was, also wirklich, Leute, wenn ihr das von mir erwartet, tut es mir leid, ich weiß da auch nicht weiter. Aber das Leben geht schließlich weiter.

Entstellt bis zum Davonlaufen

Es gibt wirklich keinen, der heute nicht davonlaufen möchte, so wie es die anderen Jünger taten. Also machen wir es wenigstens wie diese, laufen wir auch davon. Unser Gott ist tot, wir suchen keinen Lebenden. Lasst uns ihn ins Grab legen, lasst uns den Stein vor das Grab rollen, damit es nicht so stinkt, wenn er verwest, aus dem Weg mit ihm, aus den Augen, aus dem Sinn.
Der am Kreuz so grausam Entstellte, er ent-stellt, das ist eröffnet, uns den Blick auf unseren Gott, welcher auch immer es ist. Er ent-stellt den von frommen Tränen verschleierten Blick auf unser Leben, und eröffnet, zeigt es uns so, wie es wirklich ist.
Vielleicht verstellt uns das Kreuz, das wir uns selbst auferlegt haben, den Blick auf den, der sich uns gegenüber als Entstellter nicht verstellt sondern eröffnet.
Den so Querliegenden, den können wir nicht mehr übersehen.
  • es liegt quer, das Wahrheit frei macht.
  • es liegt quer, dass Gott im Menschen ist, in dem, der neben dir sitzt.
  • es liegt quer, dass Gott in uns allen geboren ist, gelebt hat, gestorben ist.
  • es liegt quer, dass da ein Mensch sitzt, der Hoffnungen, Ängste, Befürchtungen, Hoffnungen hat, Gefühle, der nicht besser, nicht schlechter ist als du, auch wenn er so tut.
  • es liegt quer, zu vergeben.
  • es liegt quer, die "glückliche Schuld"
  • es liegt quer, der Mensch geworden ist, um Menschen zu befreien.
  • es liegt quer, das Geheimnis des christlichen Glaubens.
Aber dass im Tod das Leben ist, das könnte heute an uns geschehen.
Denn das letzte Wort ist gesprochen, der Todesschrei ist ausgestoßen.
Er atmet nicht mehr.
Er ist tot. 
Aus den Augen, aus dem Sinn.
Und für einen Augenblick hält die Schöpfung den Atem an.
Und man hält es nicht aus.

Der Vorwurf: Mein Gott, warum hast du uns verlassen?

Alle sind wir nun hineingezogen in die Stille des Grabes
Spürst Du, wie es Dir kalt wird an den Füßen, im Gedärm, im Herz.
Mein Gott, warum hast du uns verlassen?
Du lässt uns zurück in einem Leben, das unvollendet ist.
Soviel hatten wir mit dir noch vor, nach Jerusalem wollten wir ziehen, später von Rom aus die Welt erobern — und nun? Grausame Hoffnungslosigkeit, erinnerungsvolle Vergangenheit — aus, ein für allemal aus und vorbei. Du bist fern meinem Schreien. Du bist tot. Und ich halte es nicht aus.
War das denn wirklich nötig?
Warum musstest du denn auch bis zum letzten gehen?
Haben wir dir nicht immer gesagt, dass du vorsichtig sein solltest?
Wäre es denn nicht klüger gewesen, etwas mehr Zurückhaltung zu zeigen?
Es war doch klar, dass die Mächtigen sofort zuschlagen würden, wenn sich die Gelegenheit deiner Unachtsamkeit bietet.
Wir wussten es doch, dass es so nicht weitergehen kann.
Waren wir selbst taub geworden für die Realität dieser Welt, nur um deinen Worten zu lauschen und den himmlischen Klängen unserer Erwartung eines paradiesischen Friedens im Reich Gottes hier und jetzt zu lauschen?
Träume, die nun zerplatzt sind wie Seifenblasen.
Nur noch Augen für dich hatten wir, so schön war es, an deinen Lippen zu hängen und schon lange blind geworden vor Liebe, schauten wir sogar noch weg, als der erste Peitschenschlag deinen Rücken zum Platzen brachte.
Und wir hätten dich noch so sehr gebraucht.
Wir wollten von dir noch so viel lernen und dir noch so viel erzählen und nun bist Du tot.
Hättest du nicht eingreifen können?
Du gabst uns doch Hinweise genug, dich als unseren Messias, unseren König, als Herrscher, der alles umstürzen wird, zu erkennen. Doch du, du Hoffnungsträger all unserer uneingestandenen Veränderungswünsche bist nicht geflohen, hast dich nicht gewehrt, hast nicht zurückgeschlagen, sondern das Kreuz getragen und dich auch noch dranschlagen lassen, du Narr! Dich vorgeworfen, uns zum Vorwurf geworden.
Warum nur?
Warum nur hast du da deine Macht nicht gezeigt?
Warum nur hast du deine Last nicht auf den Herrn gewälzt?
Warum nur hat Gott dich nicht herausgerissen?
Und wir rufen bei Tag doch du antwortest uns nicht mehr, und wir rufen bei Nacht und finden keine Ruhe.
Und immer wieder meinen so viele, Antworten geben zu können.

Hingeworfenes

Schwachherziger Versuche des Trostes, vor uns hin geworfen,uns zum Vorwurf gemacht, was der Sinn deines Lebens, der Sinn deines Todes sein soll, der Sinn unseres Leidens und unseres Todes, der Sinn des Millionen und abermillionenfachen Todes. Für uns. Unserer Sünden wegen. Weil wir zuviel an Sex gedacht, Schokolade genascht, nicht brav gefastet und manches mehr getan und vieles unterlassen haben, durch meine Schuld, erzählen sie uns von ihren Kanzeln und erinnern sich in ihren Büchern seit Jahrhunderten, du seist der Gottessohn, dass du gestorben seist für unsere Sünden, um unser Leid auf dich zu nehmen und uns zu erlösen.
Und alle Fragwürdigkeit deines Lebens erklären sie uns ebenso weg wie die Zumutung deines Todes.
Weggeworfen, dein großer Ent-wurf in unserem Geworfensein einen neuen Wurf zu wagen.
Du bist ihnen aus dem Augen, aus dem Sinn.

Gott ist tot

Und inzwischen weiß es alle Welt, wir sind der Leute Spott geworden, alle die uns sehen, lachen über uns, die wir noch immer an deinen Worten hängen. Euer Gott ist tot.
Und es scheint uns, sie haben Recht, denn das deckt sich mit unserer Erfahrung. Leid und Tod ohne Sinn war, ist noch immer, mitten im Leben und aller aus dem Leben Gerissenen von Herodes bis Auschwitz, von den Indianern Amerikas bis Syrien und den im Mittelmeer Ertrunkenen, von dem jungen drogensüchtigen Obdachlosen in der Stadt, verstoßen von ebenso braven Leuten wie uns, bis zur alten, dementen Frau in unseren Pflegeheimen. Sie vegetieren dahin schon während ihres Lebens und später lassen wir auf unseren Friedhöfen ihre Gräber verroten. Und wie neue Blumen ihre Farben erstrahlen lassen nur um wieder zu verwelken, so vergehen auch unsere Beziehungen und Freundschaften. Ist das der Kreislauf des Lebens, Gott, müssen wir nur geboren werden um zu sterben? Wie du?
Bist du tot? Aus den Augen, aus dem Sinn, wie diese?

So werden wir leben!

Weiterleben, das Leben, es geht schließlich weiter.
Weiter, mit all unseren unbeantworteten Fragen, wieder und wieder von neuem sie aufwerfen, hinwerfen, vorwerfen,nachwerfen, neu werfen, umwerfen. Klagen, dich anklagen, verzweifeln, den nächsten Atemzug machen, Menschen sinnlos leiden, sterben, einander töten sehen, uns unsrem eignen Ende entgegen atmen, das genauso sinnlos erscheint und uns vielleicht nur die scheinbare Ruhe gibt, endlich nicht mehr weiter fragen zu müssen.
Und immer noch und immer wieder sind dein Leiden, dein Sterben und dein Tod ein Teil davon, denn du bist uns aus den Augen. Wo ist da der Sinn?
Weiterleben, das Leben, es geht schließlich weiter.
Weiter, breiter, weitend, immer weiter werdend, mit jedem Atemzug weiter klagen, immer weiter, noch weiter. Und dafür Sorge tragen, dass dieses Klagegeschrei niemals aufhören wird. Noch unsere Enkel und Urenkel,alle Generationen sollen darüber klagen und die Frage weitertragen bis in alle Zukunft hinein, und wenn sie uns Menschen auf anderen Planeten ansiedeln werden soll diese Frage und diese Klage immer mitgehen.
Wir schreien unsere Klage in deinen letzten Schrei mit hinein.
Und wir schreien noch lauter, weil wir auch die Klage derer darin erschallen lassen wollen, die nicht mehr klagen, die nicht mehr klagen wollen, die nicht mehr klagen können und die Klage all derer, die nicht klagen dürfen.
Wir werden diese Klage mit jedem Wort aussprechen, mit jedem Lied hinaus singen, in jedem Buch mitlesen, in jedem Film mitschauen, in jedem Menschen mittragen, in allem Tun und Lassen, jeden Morgen aufs Neue mit ihr aufstehen, jeden Tag hindurch zum Abend mit ihr leben und in den Nächten werden wir sie träumen.
Und wenn wir verstummen, so lassen wir unsere Steine klagen.
Weiterleben, das Leben, es geht schließlich weiter.
Und seit heute, mein lieber, mein nicht mehr atmender Gott, seit heute, da du tot bist, klingt unser Klagen und Fragen etwas anders als vorher, und es wird immer wieder von neuem und anders klingen, es verändert sich immer.
Denn ab heute werden wir nicht mehr glauben, dass du Gott, von all dem Dunkel menschlichen Lebens keine Ahnung hättest und wir werden dir auch nicht mehr den Vorwurf machen: "Ach Gott, du weißt ja nicht, wie das ist."
Du bist uns aus den Augen, doch nicht aus dem Sinn.
Du hast unser kleines, armseliges, manchmal ganz schönes und manchmal ziemlich beschissenes Leben mitgelebt.
Seht hin, so werden wir unsere Klage beenden:
Seht was für ein Mensch, Gott, mit uns. Mit der Welt.
In seinem Leiden das unsere, in seinem Tod den unseren.
Vor aller Augen geschehen. Mit allen Sinnen.
Ganz. Hörend. Ermutigend. Dankend. Liebend, Neu denkend, Staunend.
Vor aller Augen, mit Sinn.

...und ich halte es aus, und Du wirst groß

(weiter am Ostermorgen, Sonntag um 6.00 Uhr!)

Gründonnerstag

Kar-Donnerstag

Ein Fest ist normalerweise Anlass zur Freude — aber was feiern wir heute?
Dieser Tag wird "Grün-Donnerstag" genannt. Was bedeutet das?
  1. Die Bezeichnung "Grün-Donnerstag" geht auf den Brauch zurück, etwas Grünes zu essen — Grünkohl z.B., und das erinnert an die jüdische Tradition: am Passah-Fest wird nicht nur das geopferte Lamm gegessen, sondern auch die grünen Bitterkräuter um sich an die Gefangenschaft und die Befreiung aus der Sklaverei zu erinnern. Wenn wir also vom grünen Donnerstag reden, sind wir mitten im Herzen der jüdischen Geschichte, eine Tradition, die Jesus aufgegriffen und uns aufgetragen hat und die im Herzen der Menschen als Brauchtum weiterlebte.
  2. Es gibt eine andere Ableitung von "grün" aus dem indogermanischen "gar": rufen, schreien, jammern. Daraus wurde "kar": Wehgeschrei, Klage, Sorge, Kummer — die Karwoche trägt diesen Namen — kar steht im Altnordischen auch für Gefäße und schließlich für den Sarg als das letzte Gefäß des Körpers, des Leichnams. Das Altenglische kennt den Char-Thursday; das englische care bedeutet Sorge, Pflege, Achtsamkeit, Vorsicht. Das indogermanische gar führt aber auch zum Alt- und Mittelhochdeutschen "gronan", "greinen". Es bedeutet zum einen lachen — und somit haben wir wirklich einen Grund zur Freude — zum anderen aber auch weinen und brüllen. Ja, mit greinen meint man sogar das Knurren von Hunden und das Grunzen von Schweinen. *grins*
Grün, volkstümliche Tradition, Erinnerung, Freude — und die Klage der Kirche! 
Was soll das? Warum erzähle ich eine Geschichte von ausgestorbenen Sprachen und Bedeutungen? 
Die Antwort, eine weitere Frage: Weißt Du, was Christen am Gründonnerstag feiern? 

http://jobo72.wordpress.com/2014/04/17/millionen-christen-durfen-nicht-feiern/
  • Wir dürfen feiern! Wir wollen nur nicht mehr, oder?

  • Wir feiern die Erinnerungen unserer Heilsgeschichte, die wir mit dem Brauch, grüne Kräuter zu essen aus dem Jüdischen übernommen haben. 
  • Wir feiern die Freude einer Befreiung und den gleichzeitigen Schmerz — wir feiern Erlösung, Leben — und wir feiern Tod.
Genügt das? Nein?
Mir auch nicht. 
Ich weiß noch nicht, was das mit mir zu tun haben soll. 

Willkommen zu allem, was man schon mal gehört hat über dieses Fest. 

Willkommen zu Erinnerungen an Fußwaschungen, an Kreuzverehrung, Speisensegnung, Ostereiersuchen und Frühlingsgefühle. 
Die Älteren von uns haben den Katechismus noch gelernt und die Jüngeren haben es auch schon mal gehört — wir feiern natürlich unsere Erlösung und Jesu Auferstehung von den Toten. Am Sonntag! Und das beginnt schon heute Abend und endet am Ostermorgen so unveränderlich langweilig wie immer für unsere Sünden ist er gestorben und zu unsrem Heil auferstanden und wenn er nicht gestorben ist dann lebt er heute noch ... So feiern wir! 
Feiern wir so? 
So will ich nicht feiern, das habe ich alles schon mal gehört — und das will ich nicht nochmal hören: was ich feiern will ist das Unerhörte. 

Unerhörte Hohe Zeit?

Die Belgier, so hat mir mein Freund Johan erzählt, nennen ihn den "Weißen Donnerstag"; er wird auch der Hohe Donnerstag genannt — aber was ist an diesem Tag eine "Hohe"-Zeit, eine Hoch-Zeit? Heiraten wir heute?
Ich finde, das Bild der Hochzeit, der Vereinigung von Mann und Frau passt schon irgendwie auf die Vereinigung von uns mit Jesus, die wir heute im Abendmahl feiern.
Mensch und Gott, miteinander versöhnt, sitzen zusammen am Tisch, Sünder und Heilige ... 
Also feiern wir? 
Dann setze bitte ein freudigeres Gesicht auf: Lache – von mir aus kannst Du auch knurren *grrr* oder grunzen *grunz* — achte ein wenig auf die Menschen um Dich herum. 
Das kommt manchmal seltsam rüber :-)

Das Kleingedruckte an Ostern

Ich möchte nicht unehrlich feiern, gestatte mir bitte noch, auf das Kleingedruckte hinzuweisen: Es wäre unglaubwürdig, zu verschweigen, dass uns im weiteren Verlauf dieses Festes Hören und Sehen vergehen wird. 
Ob es nach diesem Hohen Donnerstag eine weitere Hoch-Zeit mit Christus geben wird, möchte ich an dieser Stelle noch nicht zu hoffen wagen — wie es weitergehen wird, das liegt an uns, an uns allen.
Willkommen in Blog-Beitrags-Gottesdienst, in dem wir das Wort Leichenschmaus sehr wörtlich verstehen werden.

Die Speisekarte ...

Als ersten Höhepunkt der anlässlich dieses Festes zu erinnernden Grausamkeiten verspreche ich etwas einzigartiges zu Essen; der erste Gang besteht aus eines Menschen Fleisch — dazu reichen wir einen berauschend sinnlichen  Trank — eines Menschen Blut. 
Klingt brutal, oder? Ist auch eher symbolisch, zum Glück.
In diesem unvergesslichen Abendmahl wirst Du ein neuer Mensch, wirst mit den Menschen um Dich herum eins — in Fleisch und Blut nimmst Du Anteil daran, dass Christus sich für Dich, für uns, für alle hingegeben hat.
Oh je.
Auch wenn Du es nicht glaubst oder für unglaublich hältst: wir werden zum Leib Christi und durch Gottes Barmherzigkeit selbst zu Brot und Wein. 
Wie das geht, weiß ich ehrlich gesagt auch nicht so genau — und es ist nicht so, dass ich das jeden Tag spüren würde; aber so dann und wann habe ich eine leise Ahnung davon, möchte es ergreifen, bewahren, besser verstehen und leben ...
Als zweiten Gang bieten wir den letzten Gang zum Ölberg und daran anschließend den Gang zum Kreuz mit einem feierlichen Abschluss-Arrangement: eine Kreuzigung — live: ab Karfreitag um 15 Uhr

... alte Geschichten ...

Vorher wirst Du in der Kirche, im Gottesdienst, in der Liturgie (hier nicht) von Erinnerungen hören — von guten und weniger guten, von einem Völkermord, den wir als Preis für unsere Befreiung zahlten — und bis heute zahlen. Geschichten aus der Bibel.
Wir sollen uns erinnern, dass Blut geflossen ist, Menschen gefoltert und getötet wurden, Schuldige — und viele, viele Unschuldige — und während wir fromm zusammensitzen, werden wir daran erinnert, dass woanders das Blut literweise weiter fließt.
Solche befremdlichen Worte zu einem Gottesdienst, in dem wir fröhlich unser erstes und zugleich unser letztes Abendmahl feiern möchten! Ja?
Ist das wirklich so fremd, wie es klingt? Ja!
Ich rede — auch wenn Du was anderes hörst — ich rede vom Leben, Du hörst und liest Blut und Mord und Leid. 
Ich rede vom Heil. Du hörst und liest Grausamkeit und Qual und Tod. 
Ist es nicht so? Das Leben geht nicht ohne Mord und Totschlag ab. Du brauchst nur die Nachrichten zu schauen ...

... und der Nach-Tisch

Und was tust Du anderes, wenn Du Dich ernährst, als von Gott geschaffenes tierisches oder pflanzliches Leben zu töten? 
Und doch ist es anders: Schweine und Rinder opfern sich nicht freiwillig. Oder doch? Wir wissen das nicht so genau. Getreide und Gemüse opfert sich ebenso wie die Trauben, um sich verwandeln zu lassen? Seltsamer Gedanke. 
Als Symbol für das Leben, das Leben, das Gott uns schenkt. 
Und wir?
Eines Tages — unausweichlich — geben wir, ob wir wollen oder nicht, unser Fleisch den Würmern. Es gibt kein Heil, wir alle werden sterben. — Zumindest ist das die größte Wahrscheinlichkeit und Sicherheit, die uns dieses Leben zu bieten hat.
Aber wenn auch bislang außer uns offensichtlich alle gestorben sind, unsere Heilsgeschichte wird weitergehen. Das glaube ich zumindest – auch wenn es um Unglaubliches gehen mag. 
Und wenn Du das nicht glauben willst, dann feiere es wenigstens. Feiere Deinen Tod — wenn Du Dich schon nicht zu leben traust!
Erinnerungen, in denen in dicht zusammengedrängter Form das ganze Heils- und Unheilsdrama von uns nachgelebt werden soll. 
Nachzulesen in

Ein Mysterienspiel 

Das Spiel kennt verschiedene Rollen: Um den einen, den wir uns heute einverleiben, den wir morgen ans Kreuz schlagen werden, endlich zu fassen, zu ergreifen, und was er uns tut, uns an-tut, um ihn zu greifen, zu be-greifen, benötigen wir einen Verräter. 
Einer — vielleicht auch mehrere.Möchte jemand freiwillig? 
Wer ist es? Sie vielleicht — oder Du — oder vielleicht ich? 
Nun, dann verdammen wir uns am besten alle dazu!
Alle von uns hier werden ihn, den wir in frommen Worten unseren Heiland und Erlöser, unseren geliebten Freund und Meister nennen und mit schönen Liedern besingen, noch in dieser Nacht verraten und damit sein Todesurteil ermöglichen.
Das gehört dazu!
Alle werden wir dem Schlaf anheimfallen, das Geschehende zu verdrängen versuchen, voreinander fliehen, Verrat an unseren eigenen Überzeugungen üben und in eine Grabesruhe verfallen, die uns allen das letzte Fünkchen Hoffnung und Leben ersticken lassen wird.
Noch in dieser Nacht werden wir ihn uns aus dem Sinn schlagen, unser eigenes Hören und Sehen vergehen lassen. Wir werden in dieser Nacht noch unsere Schwerter ziehen und uns mit schneidenden Worten einander gegenseitig die Ohren abhacken um nichts mehr hören zu müssen. Und wir werden sogar noch weiter gehen als Petrus mit Malchus, dem Knecht des Hohepriesters und werden uns sogar noch die Augen ausstechen um nichts mehr davon sehen zu müssen — und es wird kein Jesus da sein, der flugs das Ohr wieder dranzaubert und uns Blinden das Augenlicht gibt.
Willkommen also zum Fest, an dem sich einer hingibt, sein Leben opfert, sich umbringen lässt, auf grausamste Weise abschlachten lässt — wie ein Lamm ... oder wie ein Rindvieh ... oder wie ein Schwein — abschlachten lässt, damit andere — wir — leben können. 
Er sollte ebenso sterben wie wir sterben, elendiglich zu Grunde gehen, kalt werden, verrecken am Kreuz. Das ist unsere Erinnerung, unsere Unheilsgeschichte, unsere Versklavung, unser Verderben unser Tod. 

Willkommen also, zur Feier unseres Todes

Ich spiele dieses Spiel mit, weil ich glaube, dass es eine bedeutungsvolle Sache ist, was Jesus mit seinen Jüngern gefeiert hat.
Was diese Geschichte bedeutet, für Dich, wie sie ausgehen wird, diese Lebens-Erinnerung, das weiß ich an diesem Punkt der Geschichte nicht.
Die Dramaturgie unserer Erinnerungen, unseres Spiels, unseres Lebens sieht vor, dass wir das alles, was wir schon so oft gehört haben, an dieser Stelle der Feier noch nicht wissen. Vergiss es! — So könnte das vielleicht was werden. 
So könnten wir vielleicht diese Geschichte nachleben, all diese Grausamkeiten ertragen, die zu unserem Heil geschehen sein sollen und geschehen werden. 
Und wenn das so ist, sollten wir sogar daran Anstoß nehmen, weil wir noch Leben in uns spüren, und uns nach Kräften bemühen, unserem Herrn und Meister nachzusterben. 
Das dürfte uns einfach fallen, oder?
Denn wir weigern uns doch ohnehin ständig sehr kräftig, lebendig sein zu wollen.
Diese Feier ist sehr lang, sie begann eben und wird nicht enden, niemals.
Auch nicht, wenn wir das Kirchengebäude verlassen (der Blog zu Ende gelesen ist) und — wie am Gründonnerstag üblich — wir ohne Segen in das weitere Leben gehen.
Wende Dich dann bitte zum Ölberg.
Du wirst feststellen, dass seine Ausläufer in dieser Nacht bis in Dein Wohn- und Schlafzimmer reichen werden.
Wenn Du meinst, dass es zu Deiner Frömmigkeit gehört, bete an, bleibe wach. 
Wenn Du es möchtest, wache mit unserem Herrn und bete, damit Du nicht in Versuchung gerätst — solltest Du dennoch zwischendurch einschlafen, mach Dir nichts daraus, denn auch den Auserwählten Freunden Jesu (Matthäus, Verse 38-46) sind in jener Nacht die Augen zugefallen. 
Und solltest Du den Wunsch verspüren, jemanden zu küssen, denke daran, dass der Kuss auch ein Zeichen des Verrats und nicht nur ein Ausdruck von Liebe ist. 
Das alles gehört zu dieser Nacht, wie es auch zu unserem Leben gehört. 
Es ist Teil der Geschichte, an die wir uns heute erinnern. 
Und so schön es wäre, wenn alle fröhlich feiern könnten, einander lieb haben und nicht weiter mit unserem Sterben behelligt würden — es wäre Lüge. 

Das Unheil erkennen

In dieser Nacht wird unser Heil darin liegen, zu erkennen,
  • dass es kein Heil gibt, wie wir es uns vorstellen.
  • dass wir einander Kreuze aufladen,
  • dass wir uns keine Schweißtücher reichen auf unserem Lebensweg, der ein Kreuzweg ist,
  • dass wir einander keine Füße waschen, sondern uns mit Dreck bewerfen,
  • dass jeder von uns die Größte, der Stärkste, der Schönste, die Fleißigste sein will,
  • dass Blut an unseren Händen klebt und nicht nur an unseren Häusern an denen der Schrecken des Herrn vorbeiziehen wird —
Und das, das ist die einzige Frohe Botschaft für heute!

Das Heil lesen

Im Johannes-Evangelium, das die Kirche ausgerechnet zur Abendmahlsfeier am Grein-Donnerstag vorsieht, ist nichts vom Abendmahl zu lesen, sondern es wird auf die Tradition verweisen, auf den Abend vor dem Passah-Fest, an dem Jesus grüne Bitterkräuter gegessen hatte und sich selbst zum Lamm machte, sein Gewand ablegte und seinen Freunden die Füße wusch um uns zu einem Teil von sich selbst zu machen. 
Gott ist in uns verliebt, unglaublich.
Und er geht dabei bis zum Letzten.
Abendmahl. 
Und das ist und bleibt unerhört!

Im Anschluss daran wirst Du Dich wieder Deinen Alltagsgeschäften zuwenden und das Geschehene verdrängen und vergessen — denn morgen, morgen wird Alles zu Ende und unsere Hoffnung auf Leben endgültig zunichte sein. 
Dann ist Gott tot.
Zumindest, soweit wir Menschen das sehen können. 
Manche trauern und fasten an diesem Kar-Freitag. 
Für mich kann kein Verzicht den Verlust aufwiegen, den ich an diesem Tag erleide, an dem mein Gott stirbt. Ich habe in den letzten Jahren versucht, mich mit Schokoladeneis über diese traurige Tatsache hinwegzutrösten. Schokoladeneis ändert zwar nichts daran, dass ich sterben werde, dass alles so un-heil ist, aber es erinnert mich daran, dass ich lebe!
Und leben werden wir, das hat unser Gott uns verheißen: Am Ende dieses längsten aller christlichen Gottesdienste werden wir aufstehen zu leben. So hoffen wir.
Das hat er uns versprochen (Johannes, Verse 23-27).

Wem der Weg zu weit ist, der Morgen zu früh, die Zeit zu lang, das Wagnis des Lebens zu groß, der kann das Ende dieser Sterbens- und Totenfeier hier im Blog am Sonntagmorgen um 6 Uhr mit dem Auferstehungsgedanken zu erleben versuchen.

Ob es ein Ostern für uns alle geben wird? 
Ob es eine Erlösung von all dem Un-Leben geben wird?
Ob eine Auferstehung von den Toten geschieht? 
Ob der Tod somit nicht das Ende sein wird, sondern der Beginn eines Neuen Lebens? 
Ob und wie es weitergeht, das werden wir sehen und erleben und darum lasst uns beten.